Nebra (Hannah Peters 2)

  • Droemer-Knaur
  • Erschienen: Januar 2009
Nebra (Hannah Peters 2)
Nebra (Hannah Peters 2)
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73°

Phantastik-Couch Rezension von Tom Orgel Nov 2008

„Der Himmel ist eine Scheibe...

...oder hat zumindest eine. Eine Himmelsscheibe nämlich. Genau genommen die 1999 in Sachsen-Anhalt gefundene Himmelsscheibe von Nebra, die Titelgeberin und zentrales Artefakt des neuesten Mystery-Thrillers von Thomas Thiemeyer ist.

In seinem nach 'Medusa', 'Reptilia' und 'Magma' vierten Roman kehrt Thiemeyer zur Protagonistin seines Erstlings, der Archäologin Hannah Peters zurück. Hannah ist mittlerweile wieder in Deutschland und mit den Untersuchungen zu einem der wichtigsten archäologischen Fundstücke des letzten Jahrhunderts betraut. Eben der oben genannten Himmelsscheibe, die sie vor mehr Rätsel stellt, als ihr lieb ist, besonders, da sie seitens des Museums unter Erfolgsdruck gesetzt wird. Erst ihr alter Weggefährte und vormaliger Geliebter, der Abenteurer John Evans, setzt sie auf die richtige Spur. Die in ein Geheimnis führt, das so ungeheuerlich ist, dass Hannah nicht nur fürchten muss, ihren Job zu verlieren, sondern gleich auch noch Herz, Verstand und Leben. Denn sie ist nicht die einzige, die dem Geheimnis der Scheibe auf der Spur ist. Mitten im Harz, auf dem Brocken, regt sich ein Gegner, der seit Jahrtausenden auf die Scheibe wartet. Und im Schatten der nahenden Walpurgisnacht lassen seltsame Lichterscheinungen, Wolfswesen und die ersten Morde nicht lange auf sich warten.

"Ich denke doch, das war recht klug gemacht: Zum Brocken wandeln wir in der Walpurgisnacht."

Einen für das Genre ungewöhnlichen Handlungsort hat sich Thomas Thiemeyer tatsächlich herausgesucht. Zumindest auf den ersten Blick. Denn genau betrachtet, ist der Brocken eines der mythischen Zentren Europas und damit natürlich wie geschaffen für einen Mystery-Thriller. Nicht nur, dass die Himmelsscheibe ganz in der Nähe gefunden wurde - die Gegend gehört zu den Regionen mit den ältesten Siedlungsspuren Mitteleuropas, ist von Alters her spiritueller und kommerzieller Kreuzungspunkt zwischen Nord-, West-, Ost- und Südeuropa, weist die größte Dichte von Mythen, Sagen und Schauergeschichten auf und findet sich in den Werken einiger der größten Schriftsteller der Literaturgeschichte wieder. Von denen bislang Goethes Faust sicherlich das Wichtigste ist.

Und eine Faust'sche Teufelei ist es auch, die Thiemeyer dem Brocken in seinem Roman buchstäblich ins schwarze Herz pflanzt. Dabei langt er, wie es so seine Art ist, richtig in die vollen. Mit den üblichen, nackt auf dem Harzgipfel tanzenden Hexen gibt er sich nicht ab. Stattdessen werden uralte, schamanische Traditionen ausgegraben und munter mit babylonischen Mythen und indianischen Legenden vermixt, mit einem ordentlichen Schuss christlicher Teufelssymbolik und solide recherchierter Wissenschaft vermischt und auf letztendlich gar nicht so kleiner Flamme ordentlich verkocht. Dass dabei einige Handvoll der üblichen Thriller-Klischees ihren Weg in den Topf gefunden haben, war vermutlich unvermeidlich, macht aber aus dem Ergebnis trotz allem keinen Einheitsbrei. Und auch ein ungenießbares Hexengebräu bekommt der Leser hier nicht serviert, sondern ein durchaus nahrhaftes Süppchen. Letztendlich jedoch (und damit wird hoffentlich die letzte Küchenanalogie bemüht) auch nicht gerade ein Vier-Sterne-Menu.

Neuer Mix aus bewährtem Rezept

Denn allzu viele der Bestandteile sind dem Freund des Genres bekannt. Sehen wir vom mysteriösen, dunklen Fremden ab, in den man sich als Protagonistin fast zwangsläufig verlieben muss und ignorieren wir die allzu bekannte Schablonen-Figur des smarten Abenteurer-Archäologen John. Dann bleiben dennoch die "Skinwalker", die als Pilz-gedopte Tierwesen direkt aus Douglas Preston und Lincoln Childs "Thunderhead" zu entlaufen scheinen. Es bleibt der Vorzeige-Kult aus örtlichen Normalbürgern aus Preston/Childs "Reliquary", die zu sammelnden Artefakte, die Jack West schon in Matthew Reillys "Six Sacred Stones" sucht, um den Untergang der Welt zu verhindern (und vor diesem Indy, um die Göttin Kali nicht in diese Welt zu lassen). Ganz zu schweigen vom exzentrischen Milliardär und Sammler Norman Stromberg, der ziemlich eng mit einem gewissen Palmer Lloyd aus Preston/Childs "The Ice Limit" verwandt sein muss (der es übrigens auch schon mit einer Erdbeben-auslösenden Kugel aus dem All zu tun hatte).

Das bedeutet nicht, dass Thomas Thiemeyers Buch schlecht ist! Absolut nicht! Aber an einigen Stellen merkt man ihm doch an, dass er die Arbeiten der Genre-Größen sehr genau studiert hat - und bewundert. Und das nimmt ihm ein wenig die Originalität, die seine Arbeit haben könnte und lässt ihn im Schatten stehen. Wobei es durchaus schlechtere Schatten gibt, in denen er stehen könnte. Aber eigentlich hat er es doch gar nicht nötig.

Hoch ist ihm zum Beispiel anzurechnen, dass er es tatsächlich geschafft hat, in einem Buch über Mystik, Kult und Archäologie in der Mitte Deutschlands das allgegenwärtige Nazi-Klischee absolut vollständig außen vor zu lassen und genauso wenig in die lauernde Kelten- und Germanenfalle zu tappen.

Und man muss ihm zugute halten, dass er unter all den männlichen Archäologen-Helden endlich einmal eine starke und smarte Frau etablieren konnte, die (abgesehen von Preston/Childs Nora Kelly aus "Thunderhead") nicht letztendlich doch nur zum gut aussehenden Accessoire eines männlichen Helden degradiert wird. Im Gegenteil: Hannah rettet den Tag UND ihren Ex-Freund, der ohne sie ziemlich alt ausgesehen hätte.

Dazu kommt sicherlich auch, dass Thomas Thimeyer ordentlich und intensiv recherchiert und sich kaum inhaltliche und wissenschaftliche Ausrutscher erlaubt, selbst wenn er in Bereiche eintaucht, die auch unter Forschern erregte Streitgespräche auslösen können. Was ebenfalls nicht unbedingt üblich in einem Genre ist, in dem viele Autoren das Wort "Mystery" als Freibrief dafür zu sehen scheinen, auch in gesicherten, wissenschaftlichen Bereichen munter drauf los fabulieren zu dürfen.

Allein diese Umstände machen das Buch schon erfrischend anders und wiegen es auf, dass er sich doch über weite Strecken ein wenig zu sehr an bewährte Rezepte hält.

Von Schülern und Hexenmeistern

Insgesamt ist 'Nebra' ein durchaus gelungener Thriller, der sich schnell mal eben so weg lesen lässt. Und tatsächlich der beste Thiemeyer bislang. Ein Roman, der sich durchaus mit Frank Schätzings "Der Schwarm" vergleichen lassen und messen kann (und der diesen Vergleich nicht einmal verlieren muss, zieht man Schätzings allzu Hollywood-mäßiges Pathos in Betracht). Und der damit den internationalen Vergleich keineswegs scheuen muss. Die letzten Clive Cussler-Romane toppt er jedenfalls mit Leichtigkeit. Aber wenn Herr Thiemeyer Michael Crichton und das Autorenduo Preston/Child schon als Vorbilder aufführt, dann muss er sich auch diesem direkten Vergleich stellen. Und hier hat er noch immer seine Meister gefunden. Auch wenn der Schüler aus Deutschland aufholt. Nichts desto trotz durchaus empfehlenswert und wieder einmal ein Roman, der Lust auf mehr macht.

Nebra (Hannah Peters 2)

Thomas Thiemeyer, Droemer-Knaur

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