Die Masken des Cthulhu

Erschienen: Januar 2001

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Michael Drewniok
Sechs Kapitel einer äonenalten (Grusel-) Geschichte

Buch-Rezension von Michael Drewniok Dez 2020

- Vorbemerkung (Introduction; 1958), S. 6

- Hasturs Rückkehr (The Return of Hastur; 1939), S. 7-38: Privatforscher und Sonderling Amos Tuttle will nach seinem Tod sein Haus niederreißen und das Inventar vernichten lassen. Viel zu schade, denkt Erbe Paul Tuttle, lässt das Testament erfolgreich anfechten, zieht in besagtes Haus ein - und merkt zu spät, wen Amos von dort hatte fernhalten wollen.

- Die Ziegenmelker in den Bergen (The Whippoorwills in the Hills; 1948), S. 39-72: Abel Harrop verschwand spurlos aus seinem einsamen Heim im neuenglischen Hinterland. Weil die Polizei aufgab, will Stadtmensch Dan - sein Vetter - das Rätsel klären. Vor Ort stellt er fest, dass Amateur-Okkultist Abel etwas gerufen hat, das sich nicht kontrollieren oder wieder fortschicken ließ sowie noch immer auf Opfer lauert.

- Etwas aus Holz (Something in Wood; 1948), S. 73-87: Eine interessante, wenn auch hässliche Statue hat es buchstäblich in sich, was den neuen Besitzer erst in eine Welt der Wunder lockt und dann in eine Hölle ewiger Schrecken wirft.

- Der Sandwin-Pakt (The Sandwin Compact; 1940), S. 88-113: Die Sandwins unterwarfen sich einst einer ebenso mächtigen wie bösartigen Kreatur. Sie bescherte der Familie Reichtum, forderte aber Gehorsam sowie ewige Gefolgschaft; ein Teufelskreis, aus dem nun Asa zugunsten seines Sohnes Eldon ausbrechen will.

- Das Haus im Tal (The House in the Valley; 1953), S. 114-144: Jefferson Bates findet endlich jene Abgeschiedenheit, die er sich als Maler wünscht - bis er feststellt, dass sein neues Heim ein Portal darstellt, vor dessen Schwelle ein grässliches Wesen ungeduldig auf seinen Durchgang in diese Welt wartet.

- Das Siegel von R'lyeh (The Seal of R'lyeh; 1957), S. 145-176: Als er das Haus seines Onkels Sylvan erbt, lernt der Neffe ein ihm bisher sorgfältig vorenthaltenes Kapitel der Familiengeschichte kennen, das ihn letztlich dorthin zurückkehren lässt, wo seine seltsame Verwandtschaft ihn schon erwartet.

Ritter und Knappe im Dienst eines Mythos‘

Arkham - Dunwich - Innsmouth: Diese drei Namen lassen Gruselfreunde aufhorchen. Sie bezeichnen (fiktive) Städte im neuenglischen US-Staat Massachusetts, die Genre-Großmeister Howard Phillips Lovecraft (1890-1937) als Brutstätten ‚verbotenen‘ Wissens und Horte grausiger Geschöpfe unsterblich machte. Seine kurzen oder novellenlangen Erzählungen zählt man zum „Cthulhu“-Zyklus, wobei der finstere, molluskenhafte Unhold nur eine der Entitäten darstellt, die Lovecraft als Protagonisten eines kosmischen Titanen-Kampf darstellt, der seit Jahrmilliarden zwischen den „Großen Alten“ und den „Älteren Göttern“ tobt. Cthulhu und die Seinen gehören zu den „Großen“ und damit ‚Bösen‘, die von den „Älteren“ einst besiegt und hinter Schlösser und Riegel gesetzt wurden. Unermüdlich sind sie seither bestrebt auszubrechen, um ihre galaktische Schreckensherrschaft zu erneuern.

Auf der Erde sitzen gleich mehrere „Große‘ fest. Sie locken immer wieder Menschen in ihren Bann, die im Tausch gegen Reichtum und Macht bereit sind, die Befreiung ihrer Herren zu unterstützen. Der Preis ist hoch, und auf Dankbarkeit dürfen die Schergen der „Großen“ nicht hoffen; stattdessen wird ‚Verrat‘ = der Versuch, die schließlich als Joch erkannte ‚Hilfe‘ abzuschütteln, grausam bestraft - ein Motiv, dessen sich wie Lovecraft auch August Derleth (1909-1971) gern bediente. Als ‚Nachlassverwalter‘ Lovecrafts sorgte er für ein Fortleben des „Cthulhu“-Mythos, den er nach 1937 immer wieder mit neuen Storys einerseits bereicherte, aber andererseits verwässerte.

„Die Masken des Cthulhu“ ist nicht wirklich ein Roman, sondern eine Sammlung von Erzählungen, die Autor Derleth nachträglich zu Episoden eines zentralen Geschehens erklärte. Sie entstanden zwischen 1936 und 1957, wobei Derleth in seinem Vorwort stolz daran erinnert, dass zumindest die erste Story („Hasturs Erbe“) im Entwurf von Lovecraft selbst gelesen und kommentiert wurde: Kann es eine bessere Empfehlung geben? Lovecraft bestärkte befreundete Schriftsteller darin, selbst zum Mythos beizutragen. Es lag in seiner Absicht, eine ebenso vielfältige wie bewusst fragmentarisch bleibende Alternativ-Historie zu schaffen.

Wissen ist Macht - und führt zum Verderben

Das Wissen der „Großen Alten“ ist wie der klebrige Fangarm einer fleischfressenden Pflanze: Es lockt Opfer an und beschert ihnen die erwünschten Genüsse, während sie unbemerkt in einen unersättlichen Schlund gezogen werden. Wird dies bemerkt, ist es längst zu spät. Jeder Versuch zu entkommen wird erbarmungslos und grässlich bestraft. Unwissenheit und Neugier sind keine Entschuldigungen, der Tod als ‚Erlösung‘ keine Option. Stattdessen folgt der Sturz in eine Hölle, in der das Leiden kein Ende nehmen wird.

Lovecraft thematisierte das Konzept einer absolut unmenschlichen, an bekannte Moralvorstellungen nicht gebundenen, wahrlich ‚kosmischen‘ Macht. Derleth mochte ihm auf diesem Weg nur ein Stück weit folgen. In den hier gesammelten Geschichten erinnert er mehrfach an die Ähnlichkeit des Kampfes der „Älteren“ gegen die „Großen“ mit dem Sturz Luzifers und seiner Gefährten in den Abgrund der Hölle, wie er im Alten Testament geschildert wird. In den von ihm verfassten Beiträgen zum Mythos nahm Derleth darauf immer wieder Bezug, womit er das von Lovecraft vorgegebene Chaos-Prinzip verwarf bzw. verwässerte, indem er es ‚ordnete‘ und dem schattenhaften Bestiarium feste Positionen zuwies.

In Verbindung mit der Tatsache, dass er nicht Lovecrafts Talent besaß - eine Tatsache, aus der Derleth selbst nie einen Hehl machte -, schrumpfte der Mythos unter seiner Feder zum Allerwelt-Spuk. Auch die hier versammelten sechs Stories sind nur Schatten bereits von Lovecraft (besser) erzählter Geschichten und leiden zudem unter inhaltlichen Wiederholungen, was durch die Zusammenstellung der ursprünglich durch Entstehungs- und Erscheinungsjahre getrennten Erzählungen umso deutlicher wird. Zudem tritt Cthulhu im Widerspruch zum Titel nicht einmal in allen Erzählungen auf.

Grauen durch Pauspapier

Während Lovecraft nach neuen Ansätzen suchte, folgt Derleth den Fußstapfen des Meisters. Es ist nur bedingt originell, „Die Masken des Cthulhu“ als ‚Episodenroman‘ zu bezeichnen, um sechs sich sehr gleichende Plots zu ‚begründen‘. Dazu geht Derleth Lovecrafts Fähigkeit ab, das fantastische Geschehen gleichsam zu orchestrieren, d. h. ihm eine Struktur zu schaffen, die selbst ein in Sprachlosigkeit und Ohnmacht gipfelndes Finale plausibel wirken lässt. Derleth investiert viel Mühe, um Schauplätze und Figuren zu zeichnen, lässt das Geschehen jedoch allzu abrupt und ideenschwach umkippen und erzeugt statt des geplanten schockierenden Endes eher Verdruss.

Darüber hinaus fällt die ständige Folge gesichtsloser Protagonisten auf, die faktisch nur ‚da‘ sind, um zu leiden und/oder darüber (zu) berichten. Vor allem leidet die Grusel-Wirkung jedoch unter einer allzu intensiven Präsentation der bei Lovecraft klug meist in Verborgenheit gehaltenen Finster-Wesen. Er war schon tot, als Derleth das Finale von „Hasturs Erbe“ schrieb, in dem ein „Älterer Gott“ nicht nur Hastur, sondern auch Cthulhu quasi bei den Ohren packt und in ihre Kerker zurückbefördert: eine ins Lächerliche umschlagende Szene, die Lovecraft sicher nicht gefallen hätte.

Nichtsdestotrotz ist Derleth ein Geschichtenerzähler, dem man trotz der genannten Mankos gern folgt. Seine ‚Cthulhu-light‘-Storys profitieren von einem Nostalgie-Faktor, der sie inzwischen schon durch ihr Alter in Lovecrafts Nähe rückt. Man sollte sie nicht am Stück lesen, aber lesen kann man sie - mit Vergnügen, aber im Wissen um ihre Grenzen.

Fazit:

In sechs zwischen 1939 und 1957 zunächst separat erschienenen Storys erzählt Autor Derleth vom stetigen Rütteln böser Überwesen an den Schlössern ihrer Zellen und von den Schicksalen allzu neugieriger Menschen, die sich in ihren Bann ziehen lassen. Die Plots ähneln sich, der Grusel ist moderat bzw. nostalgisch angestaubt: Horror ist dies nicht (mehr), aber es liest sich immer noch stimmungsvoll.

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