Stranger Things 4

Serien-Kritik von Marcel Scharrenbroich / Titel-Motiv: © Steve Dietl/Netflix

FLYING Up That Hill!

Wurzel allen Übels

Nach den letzten Ereignissen in Hawkins hat sich die stetig gewachsene Gruppe um Mike (Finn Wolfhard), Will (Noah Schnapp), Dustin (Gaten Matarazzo), Lucas (Caleb McLaughlin) und Elf (Millie Bobby Brown) verstreut. Während Joyce Byers (Winona Ryder) sich ihre Söhne Will und Jonathan (Charlie Heaton) geschnappt hat, um mit ihnen und der frisch in die Familie aufgenommenen Elf nach Lenora Hills im Sonnenstaat Kalifornien zu düsen, besuchen Mike, Dustin, Lucas und Max (Sadie Sink) die High School in ihrem gebeutelten Heimatstädtchen in Indiana. Mike und Dustin haben sich bis auf die Tatsache, dass Mike nun eine Fernbeziehung mit Elf führt (ebenso seine Schwester Nancy (Natalia Dyer) mit Wills Bruder Jonathan), nur wenig verändert. Einmal Nerd, immer Nerd… was jedoch nicht für Lucas gilt, der im Basketball-Team im Kreise der angesehenen Sportler neue Wege beschreitet. Das trieb einen Keil in die ansonsten eingeschworene Gruppe, was sich noch zuspitzen soll…

Auslöser dafür ist der grausame Mord an der Cheerleaderin Chrissy Cunningham (Grace Van Dien). Dieser wird dem aufgedrehten Metal-Head Eddie Munson (Joseph Quinn) in die Schuhe geschoben. Ein leicht gefundenes Opfer, denn Eddie ist der Vorsitzende des Hellfire-Clubs. Eine „Dungeons & Dragons“-Rollenspiel-Gemeinschaft von Außenseitern, denen auch Mike, Dustin und Lucas angehören… obwohl Letzterer alles daransetzt, dies vor seinen neuen Sportler-Freunden geheim zu halten. Chrissy, die von Albträumen und Visionen geplagt wurde, wollte sich von Eddie eigentlich nur ein paar bewusstseinserweiternde Substanzen organisieren, da sie glaubte, langsam aber sicher den Verstand zu verlieren, als im Unterschlupf von Eddies Onkel das Unfassbare geschah: Eine unsichtbare Kraft riss sie vom Boden, verdrehte ihre Gliedmaßen grotesk bis weit über den Anschlag hinaus und ließ ihre Augäpfel platzen. Kurz zuvor hörte sie eine seltsame Uhr viermal schlagen, bevor ihr Verstand in einen Albtraum gezogen wurde, in dem sie auf die monströse Gestalt Vecna traf. Für die Basketballer steht außer Frage, dass der angebliche Satanist Eddie der Täter ist, schließlich sehen sich Rollenspiele wie „D & D“ in den 80ern damit konfrontiert, dass sie zu Straftaten wie Sodomie oder sogar Mord verleiten. Eddie befindet sich auf der Flucht, kann jedoch auf die Unterstützung seiner Freunde zählen. Währenddessen wird Max ebenfalls von schlimmen Albträumen geplagt… und auch sie hört das Läuten der geheimnisvollen Uhr.

Mike hat sich derweil auf den Weg nach Kalifornien gemacht, wo er den Sommer gemeinsam mit Elf und Will verbringen will. Elf kann jedoch nicht lange verheimlichen, dass die High School ein wahrer Spießrutenlauf für sie ist. Tagtäglich sieht sie sich fiesen Mobbing-Attacken ihrer Mitschüler ausgesetzt. Diese machen sogar nicht davor halt, den Namen ihres vermeintlich verstorbenen Adoptivvaters Jim Hopper (David Harbour) in den Dreck zu ziehen. Obwohl Elf beim letzten kräftezehrenden Kampf ihre Fähigkeiten eingebüßt hat, greift sie zu drastischen Maßnahmen. Außerdem droht sie ihre Vergangenheit im Hawkins-Institut von Dr. Brenner (Matthew Modine) einzuholen. Der ist nämlich noch nicht mit seiner „Tochter“ fertig, was nicht nur alte Wunden wieder aufreißt, sondern ein lang gehütetes Geheimnis lüftet…

Joyce Byers zieht in der Zwischenzeit in ihr ganz eigenes Abenteuer. Sie erreicht eine merkwürdige Porzellanfigur, in der sich eine schockierende Botschaft befindet: Hopper lebt! Mit der Hilfe des Privatschnüfflers Murray (Brett Gelman) kontaktiert sie die Nummer auf dem Zettel. Am anderen Ende meldet sich ein gewisser „Enzo“ (Tom Wlaschiha), der Lösegeld für die Auslieferung Hoppers verlangt. „Enzo“ entpuppt sich als Wärter in einem russischen Strafgefangenenlager, wo Hopper unter unmenschlichen Bedingungen einsitzt. Allerdings bergen die Mauern des Gefängnisses noch etwas viel Monströseres als russische Soldaten.

Zu alter Stärke

Ich mache keinen Hehl daraus, dass ich die Serie nach der enttäuschenden dritten Staffel totgesagt habe. Für mich wurde es da zu einer cheesy 80’s-Parade, die sich in der Tatsache suhlt, dass „Stranger Things“ dieses Jahrzehnt wieder aus der Versenkung geholt hat, etliche Revival-Nachahmer inspirierte, sich dessen auch vollkommen bewusst war und dies dann plakativ in jeder Szene zur Schau stellte. Gefühlt 80% der Staffel spielte im Einkaufszentrum, wo man dem Publikum dann nur noch mehr Reminiszenzen der Dauerwellen- und Neon-Dekade um die Ohren hauen konnte. Der ausgewogene Kern zwischen Mystery, Drama und Coming-of-Age blieb derart auf der Strecke, dass ich dem Starttermin der vierten Staffel zwar interessiert gegenüberstand, aber nicht komplett aus dem Häuschen war, als die ersten sieben von neun neuen Folgen dann im Juni 2022 bei NETFLIX an den Start gingen. Doch dann kam alles anders…

Erstmal muss gesagt werden, dass sich die vierte Staffel kaum noch wie eine typische Serie anfühlt. Die üppige Laufzeit der Folgen erinnert viel mehr an kleine Spielfilme. Die kürzeste Episode läuft 64 Minuten, während die längste in „Volume 1“ mit 98 Minuten zuschlägt. Langeweile kommt trotzdem zu keiner Zeit auf, da wir gleich mehreren Handlungssträngen an unterschiedlichen Schauplätzen folgen. Außerdem merkt man der Serie unweigerlich eine gewisse Reife an, was mit Sicherheit auch dem fortschreitenden Alter der jungen Darsteller-Riege zu verdanken ist. Glücklicherweise haben sich die Macher dem Niveau angepasst und verpassten der Story eine sichtlich düsterere Note. Das liegt auch am Gegenspieler Vecna, welcher äußerst drastisch an die Arbeit geht. Die deutlich längere Pause zwischen der dritten und vierten Staffel tat „Stranger Things“ gut und verschaffte die nötige Zeit, um ausgefeiltere Drehbücher zu verfassen, die den Anfängen der Serie durchaus ebenbürtig sind. Es schließen sich nämlich gewisse Kreise, was mich schon fast wieder mit der schwachen Season 3 versöhnlich stimmt. Das Ganze sieht tatsächlich danach aus, als hätte man einen durchdachten Plan. Das kann man heutzutage nicht mehr von allen Serien behaupten, die nach einem Überraschungserfolg Hals über Kopf für weitere Staffeln verlängert werden, ohne überhaupt zu wissen, was man dort eigentlich noch erzählen will.

„Volume 2“ schießt dann nicht nur Laufzeit-technisch den Vogel ab (zwei Episoden mit 85 und 150(!) Minuten Länge), sondern auch was Dramaturgie, Pacing und den Einsatz von Spezialeffekten angeht. Im ausufernden Finale ziehen die Duffer-Brüder alle Register und zerbröseln jede im Vorfeld gehypte Serie der jüngsten Vergangenheit mit Leichtigkeit (Hello there, Obi-Wan!). An Action und Dramatik nur schwer zu toppen, jagt uns Szene für Szene eine Gänsehaut nach der anderen über den Rücken. Der finale Shot ließ mich mit einem breiten Grinsen und mächtig Vorfreude auf die fünfte Season zurück. Diese soll „Stranger Things“ dann auch zum Abschluss bringen.

Wer den Hals aber dennoch nicht vollkriegen kann, sollte auf die Romane „Suspicious Minds“ von Gwenda Bond und „Finsternis“ von Adam Christopher zurückgreifen. Beide Bücher sind im PENGUIN Verlag erschienen. Dort ist ebenfalls „Das offizielle Begleitbuch“ zur Serie erhältlich, während man Guy Adams humorvoll geschriebenes (inoffizielles) Buch „Notes from the upside down“ im Programm von GOLDMANN findet. Wer es lieber gezeichnet möchte, wird bei PANINI fündig. Dort finden sich neben fünf Paperbacks, die jeweils eine Mini-Serie umfassen, auch die vier Einzelbände „Zombie Boys“, „Der Rowdy“, „Stranger Things und Dungeons & Dragons“ und „Erica die Große“.

Frischer Wind

Der Main-Cast liefert erneut ordentlich ab. Besonders hervorzuheben ist da der Frisur-gebeutelte Noah Schnapp, alias Will Byers, der ein paar der bewegendsten und eindringlichsten Szenen beisteuert. Selbst Wills Bruder, gespielt von Charlie Heaton, kann somit im Zusammenspiel mit Schnapp mal punkten. Ansonsten ist er auf den Kiffer vom Dienst abonniert, was ihn etwas in den Hintergrund rückt. Gaten Matarazzo darf wieder zeigen, warum sein Dustin Henderson zu Recht der Publikumsliebling ist. Lediglich Finn Wolfhards Mike stinkt ordentlich ab. Er hampelt recht plan- und ideenlos durch seine Szenen und lässt im Liebesrausch einige Sympathiepunkte liegen. Überraschend gut funktioniert hingegen die Dynamik zwischen Nancy Wheeler und der hibbeligen Robin Buckley, gespielt von Natalia Dyer und Maya Hawke, der Tochter der Hollywood-Größen Uma Thurman und Ethan Hawke. Als ungleiches Duo sind ihre gemeinsamen Szenen schwer unterhaltsam.

Der größte Gewinn von „Stranger Things 4“ sind aber die neuen Charaktere, von denen reichlich frische Vibes ausgehen. Den dauerkiffenden Argyle (Eduardo Franco) lassen wir da mal außen vor, denn seine Figur dient ausschließlich als comic-relief, was aber mehr schlecht als recht funktioniert. Vielmehr rede ich von Joseph Quinn als Eddie Munson. Der quirlige Kerl mit der lockigen Mähne hat sich seine Fanbase verdientermaßen im Sturm erobert. Der extrovertierte Metal-Freak reißt jede Szene an sich und hat einige denkwürdige Momente, die unumstritten zu den Highlights der gesamten Serie zählen dürften. Definitiv ein Kerl, den man in jeder Freundes-Clique mit Kusshand willkommen heißen würde. Ein weiterer Neuzugang ist der deutsche Schauspieler Tom Wlaschiha, der einem internationalen Publikum vor allem durch seine Rolle als Jaqen H'ghar in „Game of Thrones“ bekannt sein dürfte. Als Dmitri „Enzo“ Antonov verkörpert er in „Stranger Things“ einen zwielichtigen Charakter, den man anfangs schwer einschätzen kann. Da der in der Nähe von Dresden aufgewachsene Darsteller fließend russisch spricht, war er die perfekte Wahl, denn er tritt zweisprachig in Erscheinung. Auch hier ist die Dynamik zwischen ihm und Hopper-Darsteller David Harbour sehr gut ausbalanciert. Überraschend ist ein Gastauftritt von Robert Englund, dem ewigen Freddy Krueger aus der „A Nightmare on Elm Street“-Reihe. Sehr passend, da in der vierten Staffel doch ein Antagonist in Erscheinung tritt, der seine Opfer auf einer anderen Bewusstseinsebene wegmeuchelt. 1, 2, heute kommt Vecna mal vorbei…

Rock on!!!

Ein wichtiger Bestandteil von „Stranger Things“ war von Anfang an die Musik. Neben dem atmosphärisch-mysteriösen Synthie-Score von Kyle Dixon und Michael Stein sind es vor allem die großen (und teilweise vergessenen) Klassiker, die den Charakter der Serie unterstreichen. Sie heizen das wohlige Retro-Gefühl regelrecht an. So kamen wir schon in den ersten drei Staffeln zu exzellenten musikalischen Beiträgen. Darunter [in Staffel 1] „White Rabbit“ von Jefferson Airplane, „Africa“ von Toto, „Atmosphere“ von Joy Division, [in Staffel 2] „Rock You Like a Hurricane“ von The Scorpions, „Hammer To Fall“ von Queen, „Time After Time“ von Cyndi Lauper, „Every Breath You Take“ von The Police, [in Staffel 3] „Hot Blooded“ von Foreigner, „Can’t Fight This Feeling“ von REO Speedwagon, „Material Girl“ von Madonna oder „Wake Me Up Before You Go-Go“ von Wham!. Zu den (wenigen) Highlights in Season 3 zählte wohl Dustins und Suzies spontan eingesungenes Duett von Limahls „Neverending Story“, was dem 80’s-Klassiker und Titelsong des Films „Die unendliche Geschichte“ einen zweiten Frühling bescherte.

„Stranger Things 4“ kann dies aber noch toppen. Mehrfach. Der Song „Running Up That Hill“ von Kate Bush dient nicht nur zur musikalischen Untermalung, sondern ist ein wichtiger Bestandteil der Handlung. Er dient Max als Halt, um nicht in Vecnas fiese Krallen zu geraten. Entsprechend präsent wird er dann auch in mehreren Episoden eingesetzt und thematisiert. „Running Up That Hill (A Deal with God)“ wurde 1985 auf dem fünften Studioalbum der britischen Sängerin und Songwriterin veröffentlicht. Bereits 2012 bekam der Song ein kurzes Revival, als man für die Abschlussfeier der olympischen Sommerspiele in London eine neue, leicht abgeänderte Version erstellte. Schon damals reichte es für einen kurzzeitigen Wiedereinstieg in die Charts. 1985 konnte Kate Bush den Song in der englischen Heimat und bei uns in Deutschland auf dem dritten Chart-Rang platzieren. Und jetzt, nach dem Start von „Stranger Things 4“, ist die Nummer weltweit eingeschlagen. Australien, Irland, Neuseeland, Belgien, Schweden, Schweiz und natürlich England… überall die Nummer 1. Selbst in den deutschen Top 10, wo man regelmäßig die Schwierigkeit hat, sich gegen den Sprechgesang irgendwelcher Duden-Verweigerer oder schräg gegrölten Malle-Müll durchzusetzen, kann sich „Running Up That Hill“ momentan ziemlich gut behaupten. Außerdem triumphierte die Nummer nach dem Start von „Volume 1“ global als meist-gestreamter SPOTIFY-Song. Mit Sicherheit nur ein kurzes Intermezzo, aber da sieht man mal wieder, was eine TV-Serie mit hoher Reichweite bewirken kann. Am meisten wird sich das Bankkonto von Miss Bush gefreut haben, da sie die Rechte an dem Song hält und laut Branchen-Insidern seit dem Start von Staffel 4 bereits ein paar Milliönchen auf der Haben-Seite verbuchen konnte.

„Running Up That Hill“ ist aber nicht der einzige Song, der es nach Jahrzehnten wieder in die Hitlisten schaffte. Nachdem mit „Volume 2“ die letzten beiden Folgen der vierten Season am 1. Juli 2022 verfügbar wurden, erhob sich Metallicas Rock-Klassiker „Master of Puppets“ wie Phoenix aus der Asche. In einer Szene für die Ewigkeit, bei der die Fan-Community im Netz aus dem Stand steilging, dröhnt der XL-Kracher von 1986 in der finalen Folge mit ordentlich Wumms aus den Boxen. Kein Wunder also, dass die erste Single-Auskopplung aus dem gleichnamigen Album bereits ebenfalls auf dem Weg ist, erneut die Charts zu erklimmen. In England und den USA ist „Master of Puppets“ schon in die Streaming-Hitlisten eingestiegen.

Mein ganz persönliches Musik-Highlight ist aber die erneute Verwendung von Mobys Glanzstück „When It's Cold I'd Like to Die“ aus dem Album „Everything Is Wrong“ von 1995. Die hochemotionale Nummer mit den gehauchten Vocals der amerikanischen Musikerin Mimi Goese fand bereits in einem dramatischen Moment der ersten Staffel Verwendung. In Staffel 4 drückt er aber gleich beidseitig auf die Tränendrüsen. Selten hat ein musikalischer Einsatz besser mit den gezeigten Szenen harmoniert. Wie ich bereits zuvor schrieb, werden in „Stranger Things 4“ mehrere Brücken zu den Ursprüngen der Serie gebaut. „When It's Cold I'd Like to Die“ ist nur eine davon.

Fazit (Chrissy, das ist für dich!):

Die Corona-Zwangspause hat „Stranger Things“ unbestritten zu neuen Höhenflügen verholfen. Es gibt etliche Momente - die leisen und nachdenklichen, aber auch die perfekt geschnittenen und effektvoll aufgeladenen Szenen - an denen das festzumachen ist. Im Gegensatz zu anderen Serien zeigen die Macher Matt und Ross Duffer, wie man neue Charaktere perfekt einführt, sodass uns deren Schicksale bereits nach wenigen Episoden nicht mehr egal sind. Hut ab… bei dem Qualitätssprung zur vorherigen Staffel warte ich gerne so lange, wie es halt dauert, bis die finale Season das Licht der Welt erblickt. Im August 2022 starten die Duffer-Brüder mit den Drehbüchern zum großen Endspiel. Ich glaub, das wird endlich mein Jahr…

Wertung: 10

Bilder: © Netflix

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