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Carsten Kuhr
Hard Science Fiction aus dem Reich der Mitte

Buch-Rezension von Carsten Kuhr Jan 2017

Achtung Spoiler!

Wie soll man als Rezensent die Handlung eines Romans zusammenfassen, dessen wesentlichste Erkenntnis erst weit in der zweiten Hälfte des Textes bekannt wird? Auch der Verlag tat sich hier schwer und hat im Klappentext den Inhalt vorweggenommen. Zum Selbigen; Es ist die Zeit der Kulturrevolution. In China wird eine ganze Generation von Wissenschaftlern in Umerziehungslager gesteckt, das Proletariat erhebt sich über seine Unterdrücker. Wer verdächtig ist, der wir vor Volkstribunale gestellt und abgeurteilt.

So ergeht es 1967 auch Ye Wenjies Vater, der als Dozent für Physik an der örtlichen Universität lehrt. Hilflos muss sie mit ansehen, wie ihr Vater von Altersgenossinnen mit deren Gürtelschnallen zu Tode geprügelt wird. Sie selbst kommt in ein mongolisches Umerziehungslager aus dem sie später zwangsrekrutiert wird. Die nächste Jahrzehnte verbringt sie, im Auftrag der Partei in einer streng abgeschotteten astronomischen Forschungsstationen tief in der Tundra. Ihre Aufgabe ist denkbar einfach und gleichzeitig kompliziert - sie soll Verbindung zu Außerirdischen herstellen.

Als der Erstkontakt gelingt erweisen sich die Aliens als nicht sonderlich entgegenkommend. Die Antwort auf ihre Signale besteht aus einer Warnung, dass sie keinen weiteren Kontakt suchen soll, ansonsten würde eine Invasion in Gang gesetzt. Ye Wenjie antwortet trotzdem und bittet um eine Invasion, da sie selbst von der Menschheit und ihrem Umgang untereinander und mit dem Planeten zutiefst enttäuscht ist. Gesagt, getan, die außerirdische Zivilisation entsendet eine Invasionsflotte, die allerdings aufgrund der großen Entfernung erst in gut 400 Jahren die Erde erreichen wird.

In der Jetztzeit begegnen wir dem Wissenschaftler Wang Miao, dessen Forschungen auf dem Gebiet der Nano-Technologie bahnbrechend sind. Seit Kurzem setzen immer mehr arrivierte Forscher ihrem Leben selbst ein Ende. Als der leidenschaftliche Hobbyfotograph auf seinen schwarz-weiß Bildern einen Countdown entdeckt muss er schmerzhaft erfahren, was hinter den Suiziden steckt. Sofern er selbst sein eigenes Forschungsprojekt nicht stoppt und zum Scheitern bringt, so die Drohung, wird ihm und seiner Familie Schlimmes widerfahren.

Die Gesetze der Physik scheinen plötzlich außer Kraft zu sein, selbst die drei Teilchenbeschleuniger in der Schweiz, den USA und China bringen bei identischer Versuchsanordnung unterschiedliche Ergebnisse. Über die gealterten Ye Wenjie, deren hochbegabte Tochter sich auch umgebracht hat kommt Wang Miao unter Mithilfe des kettenrauchenden Polizisten Da Shi einer Verschwörung auf die Spur, bei der das virtual Reality Game um die drei Sonnen eine wichtige Rolle zu spielen scheint ...

Erfrischend anders, Innovativ und zugleich eine Nabelschau auf China

Ja, was ist das für ein Roman, der als erster chinesischer Roman überhaupt mit dem Hugo und dem Galaxy Award ausgezeichnet wurde? Hard Science, so nannte man früher entsprechende Romane, in denen nicht wild im All umhergeflogen und geballert wurde, was der Lauf der Waffe hergab. Stattdessen geht es um die interessante Frage, wie sich die Menschheit, in dem Bewusstsein, dass in 400 Jahren eine fremde Rasse auf der Suche nach einer neuen Heimat die Erde ansteuern wird, verhalten wird.

Dass es, vom Wesen der Menschen enttäuschte Unterstützer der Invasion gibt, die der Überzeugung sind, dass die Spezies Mensch ihre Chance vertan und als Relikt auf den Friedhof der Evolution gehört gibt ist ebenso nachvollziehbar, wie deren Gegner, die auf eine wie auch immer geartete Kooperation hoffen. Auch der Versuch der Regierungen gemeinsam eine Abwehrstrategie zu finden wird überzeugend in den Plot eingearbeitet.

Im Grund genommen geht es dem Autor aber weniger um eine Alien-Invasion, sondern darum, den Zustand seiner Gesellschaft in China, aber auch der Welt zu porträtieren. Mit wachem Auge auch für Details ermöglicht er uns einen Blick tief hinein in die chinesische Seele. Die Kulturrevolution hat ihre Kinder gefressen, hat dafür Sorge getragen, dass eine ganze Generation an Wissenschaftlern ausgelöscht wurde. Nur mühsam erholt sich das Reich der Mitte von diesem Aderlass, hat die Gewaltherrschaft unverheilte Wunden geschlagen.

In diese Nabelschau hat der Autor dann seine Figuren platziert. Intellektuelle Extremisten gesellen sich zu Forschern und Polizisten die allesamt durch ihre jeweils ganz andere, eigene Verbindung zur Kulturrevolution geprägt sind. So geht es in einem über ganze Passagen hinweg eher an einen Kriminalroman erinnernde Handlung darum herauszufinden, was hinter den Suiziden steckt, für was das Computerspiel entwickelt wurde und wie die Rätsel zusammenpassen.

Mit hineingepackt werden philosophische Fragen um unsere Kultur, die die Ausrottung der Ressourcen, die Jagd nach Macht und Reichtum und die Zerstörung der Umwelt auf ihre Fahnen gemalt zu haben scheint.

Und es geht natürlich um Wissenschaft. Wir erfahren viel, aber nicht zu viel um wissenschaftliche Forschung, um Erkenntnisse und Denkweisen. Hier wandelt der Autor ein wenig auf den Spuren eines Arthur C. Clarke. Doch anders als bei Clarke beschränkt sich Liu nicht auf die Extrapolation. Ihn interessieren die gesellschaftlichen Entwicklungen, wie diese seine Figuren berühren, sich in deren Handlungen widerspiegeln und diese erst motivieren.

Neben der überaus spannenden Jagd nach Erkenntnissen, dem Drang die Rätsel aufzulösen besticht der Auftaktroman der Trilogie durch wunderbar beschriebene Charaktere. Zwar gestaltet sich die Lektüre zu Beginn nicht einfach, ständig wechselt die Perspektive, es geht zurück in der Zeit, dann wieder in die Gegenwart, doch die Gestalten bleiben in sich glaubwürdig, ihre Handlungen nachvollziehbar und ihre Motivation interessant. Auch die Übersetzung liest sich angenehm, stilistisch ansprechend, so dass sich die Lektüre angenehm gestaltet.

Das wurde zurecht ausgezeichnet und macht neugierig auf die beiden Fortsetzungen!

Die drei Sonnen (Die Trisolaris-Trilogie 1)

Die drei Sonnen (Die Trisolaris-Trilogie 1)

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Letzte Kommentare:
11.10.2019 15:51:36
K.-G. Beck-Ewerhardy

Chinesischer Science Fiction ist noch nicht sonderlich verbreitet – was vielleicht auch damit zusam-men hängt, dass es in China nicht unbedingt ungefährlich ist, sich mit alternativen Gesellschaftsent-würfen zu beschäftigen. Die vorliegende englischsprachige Fassung des ersten Teils der „Three-Body“-Trilogie ist somit schon etwas vergleichsweise Seltenes. Es handelt sich hierbei übrigens nicht im eigentlichen Sinne um eine Übersetzung des chinesischen Originals, sondern vielmehr um eine Übertragung, denn viele Konzepte der chinesischen Sprache lassen sich nicht ohne Weiteres ins Englische übertragen, so dass neben einigen Fußnoten des Übersetzers auch erläuternde Einschübe in dieser Fassung sind, die alle durch den Autoren selbst abgesegnet worden sind.

Die Geschichte beginnt zunächst in der Kulturrevolution und mit einer öffentlichen Verurteilung einiger Intellektueller, die schließlich zum Tod eines beliebten und sehr einflußreichen theoretischen Physikers führen soll. Dieses Ereignis und ihr eigenes Physikstudium machen seine Tochter Ye politisch verdächtig, weswegen die gleichfalls etablierte Dozentin ihre Stellung verliert und erst nach einiger Zeit über unerwartete Umwege im Red Coast-Projekt landet, Chinas bis dahin größte Radioteleskopanlage. Hier fristet sie von da an ihr Dasein mit der Gewissheit, niemals wieder in die normale Bevölkerung zurückkommen zu können. Ein Schicksal, auf das sich die von den Menschen enttäuschte junge Frau nur allzu bereitwillig einlässt.

Jahre später ist sie eines Nachts alleine im Bereich des Empfangsmonitors, als sie eine Antwort auf eine zuvor von ihr heimlich über die Sonne verstärkte Botschaft erhält. Eine Botschaft, die ihr ganzes weiteres Leben auf den Kopf stellen soll – und auch das Schicksal der gesamten Menschheit. Besonders, durch die Natur der Antwort, die Ye darauf gibt.

Trisolar ist eine Spielewelt in einem Online-Spiel namens „Three Body“, in dem es darum zu gehen scheint, in einer Welt zu überleben, die auf Grund eine Dreifachsternsystems ganz unvorhersagbare Wetter- und Gravitationsereignisse zu gewärtigen hat, was die Flora und Fauna dieses Planeten zu einigen ungewöhnlichen Anpassungen gebracht hat. Auf Grund der Gewalt der sogenannten Chaos-Äras sind die Bewohner immer wieder gezwungen, in stabilen Ären ihre technologische Entwicklung extrem schnell voranzutreiben. Die Spielerinnen und Spieler werden in die Rollen berühmter Forscher der irdischen Geschichte gesetzt, die versuchen müssen, das Drei-Körper-Problem zu lösen um so den Wechsel und die Dauer der „Chaos-„ und stabilen Ären präzise vorhersagen zu können. Doch dies erweist sich als überaus schwierig, weswegen die Spielfiguren schließlich über andere Wege des Überlebens nachdenken müssen.

Wang, ein Nanotechnologe, beginnt auf einmal auf Bildschirmen oder vor seinen Augen einen Countdown ablaufen zu sehen, was ihn überaus irritiert. Es irritiert ihn ungefähr so sehr, wie die unfreiwillige Aufnahme in eine spezielle Gruppe von Leuten, zu denen auch Da Shi, ein sehr unangenehmer Polizist, und internationale Militär gehören, die sich mit der Lösung der Frage einer Selbstmordwelle unter theoretischen Physikern auseinander zu setzen haben, die zu glauben scheinen, dass die Gesetze der Physik nur temporär Gültigkeit haben könnten – über ein Zeit, die bald zu Ende sein könnte. All diese Wissenschaftler scheinen einer geheimen Vereinigung angehört zu haben, die auch schon Wang die Mitgliedschaft angeboten hat, der nun für seine neuen Teamgefährten dieses Angebot annehmen soll um die Vereinigung zu unterwandern.

Neben vielen Darstellungen zur Kulturrevolution und ihren direkten und indirekten Folgen in China erfährt man außerdem noch eine Menge über grundlegende Computerarchitektur, Quantenmechanik, Kosmologie und Gravitation und viele andere Dinge aus den Bereichen der Wissenschaften, die unser alltägliches Leben durchdringen, über die aber die wenigsten Leute wirklich Bescheid wissen. Das wirkt stellenweise ein wenig wie eine verschriftlichte Grundlagenstunde zu dem betreffenden Thema, was aber schon notwendig zu sein scheint um die Grundlagen der Erzählung sicherzustellen.

Sehr durchdacht und überaus komplex lässt dieser Einstieg darauf brennen zu erfahren, wie es in dieser Erzählung weitergehen wird. Zum Glück gibt die vorliegende Kindle-Ausgabe darauf einen längeren Ausblick. Hard-SF in klassischer Erzählform mit chinesischen Einschlägen. Interessant.

11.10.2019 05:52:13
Kopernikus

Für mich spielt SciFi und Fantasy in der Literatur keine Rolle, zu abgestumpft, literarisch ohne Niveau und zu viel Effekthascherei. Ganz anders hier: Sehr intelligent, trotz Übersetzung aus dem Chinesischen, das vor allem in literarischer Hinsicht sehr viel mit den verwendeten Schriftzeichen spielen kann, ist der Stil niveauvoll und liegt weit über dem üblichen SciFi Geschreibe. Die Handlung packt den Leser nicht nur durch die emotionale Schilderung der Charaktere, deren Probleme im damaligen wie jetzigem chinesischen System, sondern vor allem durch die intelligente und korrekte Schilderung wissenschaftlicher Probleme, das Schicksal der Intellektuellen unter Mao und natürlich das 3Körper Problem, für das es keine mathematische Lösung gibt. Das Problem ist vor allem aus philosophischer Sicht sehr interessant, spricht es sogar ohne Quanteneffekte und Unschärfetheorie gegen ein kausales Universum. Selbst auf klassische, newtonsche Mechanik vereinfacht, gibt es dafür keine Lösung.
Stilistisch ist der Roman trotzdem kein Hesse / Kehlmann / Bernhard, aber weit über den Genrevertretern und hält im Gegensatz zu zB. den Bildzeitungsstil / Kronenzeitungsstil eines Elsberg, ein lesbares Niveau. Klare Empfehlung an gebildete Leser.

28.04.2017 18:09:39
geronimox

Ich habe diesen Geschichtenbrei nur mit Mühe bis zum Ende gelesen.

»SciFi eines chinesischen Autors! Zwei Awards gewonnen! Wertige Aufmachung mit tollem SciFi Titelbild! Der chinesische Clarke!«

Meine Erwartung war hoch. Um so tiefer bin ich gefallen.

Denn anstatt einen unterhaltsamen utopischen Roman zu lesen, mischt Autor Liu in nur mühsam nachvollziehbaren Zeit- und Perspektivsprüngen kapitelweise Geschichten über »Säuberungen« während der chinesischen Kulturrevolution der 60er Jahre, wikipediaähnliches Faktenwissen über Physik und Himmelsmechanik, Spielesessions innerhalb eines Virtual-Reality-Spiels und ganz, ganz, am Schluß dieses Auftaktromans endlich! eine Invasionsagenda der Aliens zusammen, die gerne unseren blauen Planeten für sich erobern möchten.

Und auch diese »Trisolaris-Alien« Anteile des Romans werte ich leider als unglaubwürdigste Fantasy-Stecken. Da werden von der Alienrasse z.B. Protonen (Bausteine! eines Atoms) mehrdimensional zu Supercomputern mit künstlicher Intelligenz ausgestattet und über Lichtjahre zur Zerstörung terranischer Computer ausgesendet. Was für eine Fantasie! Holy Shit! Einen Bestandteil eines einzelnen Atoms zu einem Computer umzubauen überzeugt mich aber nicht.

Mein Fazit: Eine für unterhaltungssuchende uninteressante, in die Länge gezogene Geschichtslektion über die chinesische Kulturrevolution vs. ein unglaubwürdiges Centauri-Alienvolk, das ständig wechselnde Eiszeiten und stellare Höllenfeuer auf ihrem Ursprungsplaneten ohne jegliche Intelligenzeinbußen überlebt, sich jetzt aber nach einem Sommerfrische-Planeten ohne Klimakatastrophen namens »Erde« umsieht.

Die beiden Folgeromane werde ich wohl erst nach hunderten begeisterten Lesermeinungen anfassen.

Nur 5/10


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13.02.2017 13:36:59
manni

Sehr interessanter, auch spannender SIFI Roman, dessen Plot noch in der Zukunft liegt. Damit ist nichts handlungswichtiges verraten, es folgt wohl eine Fortsetzung. Ich habe das Buch an einem Wochenende verschlungen, mich hat vor allem die Kombination aus chinesischer Politgeschichte, berührenden persönlichen Schicksalen der Hauptpersonen, aber auch der wissentschaftliche Aspekt bewegt. Es lohnt den Anhang zu studieren, sehr hilfreich. 80°