Die Legende der Adlerkrieger

Erschienen: Oktober 2020

Couch-Wertung:

87°
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Lisa Reim-Benke
Dieses Buch macht einfach Spaß

Buch-Rezension von Lisa Reim-Benke Jan 2021

Guo Xiaotian und Yang Tiexin führen ein beschauliches Leben in ihrem kleinen Dorf. Als Schwurbrüder erfreuen sie sich an dem Gedanken, dass später auch mal ihre Nachkommen eine gleiche innige Freundschaft verbinden wird. Doch es kommt alles ganz anders. Eines Tages dringen Krieger des Jin-Reiches in das Dorf ein, denen sich Xiaotian und Tiexin entgegenstellen. Nur mit Müh und Not gelingt es ihren schwangeren Frauen Bao Xiruo und Li Ping zu entkommen, die beiden Männer finden den Tod. Xiruo verschlägt es nach Umwegen in die Hauptstadt der Jin, Ping gelangt ins Mongolenreich und trifft dort auf niemand geringeres als den zukünftigen Dschingis Khan. Sie bringt ihren Sohn Guo Jing zur Welt, der zu einem Kung-Fu-Kämpfer ausgebildet wird und eine wichtige Aufgabe übernehmen soll. Auf seinen Wegen trifft er auf kuriose Gestalten und muss so manchen heiklen Kampf überstehen. Doch wer am Ende sein größter Widersacher sein würde, hätte er sich nicht einmal im Traum vorgestellt.

Was lange währt …

Jin Yong ist der meist gelesene chinesische Schriftsteller unserer Zeit, seine Bücher gelten als Meilensteine der Kung-Fu-Literatur. Nur gehört hat von ihm in der westlichen Welt vermutlich so gut wie niemand. Obwohl gerne als „chinesischer Tolkien“ bezeichnet, findet Jin Yongs Epos erst 70 Jahre nach dem ersten Erscheinen den Weg auf den deutschen Buchmarkt. Eine lange überfällige Entscheidung!

Endlich mal was anderes

Dieses Buch ist Herausforderung und Lesevergnügen gleichermaßen. Und das hat mehrere Gründe. Zum einen ist da der Protagonist Guo Jing, der – um es freundlich auszudrücken – etwas einfältig ist. Damit bringt er seine Mitmenschen regelmäßig an den Rand der Verzweiflung, die Leser dafür zum Lachen. Mit seinem unkonventionellen Verhalten und seiner nicht sehr raschen Auffassungsgabe manövriert sich der junge Jing in die unmöglichsten Situationen, aus denen er meist mit mehr Glück als Verstand entkommen kann. Amüsant ist das auf jeden Fall, manchmal verlangt er aber auch seinen Lesern viel Geduld ab.

Auch wenn es meist um ernste Themen geht – Krieg, Vertreibung, Fehden, Brutalität – kommt erstaunlicherweise der Witz nicht zu kurz. Das liegt natürlich in erster Linie an dem unverbesserlichen Guo Jing, doch auch die restliche Bevölkerung ist reich an schrägen Gestalten, die für jede Menge Situationskomik sorgen.

Kung Fu zwischen zwei Buchdeckeln ist ... seltsam

Anders als in herkömmlichen Fantasy-Romanen, in denen bei Meinungsverschiedenheiten zum Schwert gegriffen wird, ist hier beinhartes Kung Fu angesagt. Doch im Gegensatz zu filmischem Kung Fu ist gelesenes nicht ganz so eingängig. Oft bewirft Yin Jong seine Leser einfach mit Manövern wie „Mit dem Zweig den weißen Affen treffen“ oder „Das Fenster aufstoßen und den Mond wegschieben“, ohne dass sie weiter erläutert werden. So kann man sich in seiner Unwissenheit nur coole Moves vorstellen, ohne zu erahnen, was tatsächlich gerade passiert. Den einen oder anderen mag das im Lesefluss stören, zumal sich in der ersten Hälfte des Buches gefühlt ein Duell ans andere reiht. Aber wenn die Meister des Fachs bei jedem Aufeinandertreffen erst einmal ihre Kampfkünste unter Beweis stellen müssen, kommt man in der Geschichte natürlich nicht sehr zügig voran. Geredet wird nämlich meist erst, wenn sich die Beteiligten wieder aus der Ohnmacht rausgearbeitet hat. Diese Vorgehensweise kann schon mal zu Missverständnissen führen, womit wir wieder bei der Situationskomik wären. Manchmal einigt man sich auch einfach auf ein Trinkduell, anstatt die Fäuste fliegen zu lassen. Wer über ein beachtliches Kung Fu verfügt, dem kann schließlich auch Alkohol nichts anhaben.

Warum nur eine Geschichte erzählen, wenn es dutzende sein können?

Die Geschichte um die zwei Schwurbrüder und deren Nachkommen ist nur die Spitze des Eisbergs. Der Leser wird mit noch viel mehr Handlungssträngen konfrontiert und mit entsprechend vielen Charakteren. Jin Yongs allwissender Erzähler wechselt fließend die Perspektiven, erzählt mal aus der Vergangenheit der einen Figur, nur um kurz darauf zu ihrem Gesprächspartner zu wechseln und mit diesem durch das Reich zu reisen. Auf den Autor kann man sich jedoch verlassen, er weiß schon, was er tut. Spätestens am Ende, wenn er alle Einzelschicksale zu einem großen Ganzen verwoben hat und die Geschichten innerhalb der Geschichten immer mehr Sinn ergeben, weiß man seinen bizarren Erzählstil zu schätzen.

Schwierigkeiten könnten da nur noch die vielen asiatischen Namen machen: Bei Qui Chuji, Hao Datong, Lu Bifeng und Co ist der westlich geprägte Leser mal wieder aufgeschmissen. Auf das Personenverzeichnis sollte man deshalb immer beherzt zurückgreifen. Vielleicht ist diese Fülle an Figuren auch das, was das Marketing-Team dazu verleitet hat, den Vergleich zu Tolkien und seinem „Herr der Ringe“ zu ziehen. Denn ansonsten haben die zwei Werke rein gar nichts miteinander zu tun.

Der Schluss wartet mit einem fetten Cliffhanger auf (wobei eine Leseprobe aus dem zweiten Band inkludiert wurde … die dann gleichermaßen mit einem Cliffhanger endet). Nach dieser krassen Achterbahnfahrt weiß man gar nicht so recht, wie einem geschehen ist. Zum Glück wird es bis zum zweiten Teil nicht so lange dauern!

Fazit:

Was für eine Mischung: Kung Fu, Abenteuer, Schicksalsschläge und Witz, gekrönt von einer etwas eigentümlichen Erzählweise. Und dennoch: Das funktioniert! Und zwar sehr, sehr gut. Der nächste Band kann kommen!

Die Legende der Adlerkrieger

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