Fantastic PULP 2

Erschienen: Mai 2021

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Michael Drewniok
Sieben Direkt-Konfrontationen mit dem Schrecken

Buch-Rezension von Michael Drewniok Sep 2021

Sieben Storys meist vergessener Autoren, gefunden in fast vollständig entsorgten Magazinen, künden von weiterhin völlig funktionstüchtigen Gruseln aus vergangenen Zeiten:

- Matthias Käther/Michael Schmidt: Vorwort; S. 7/8

- Matthias Käther: Hommage an Hans Wessolowski; S. 9-13

- David Wright O'Brien: Ausstrahlung (The Man the World Forgot; 1940); S. 14-34: Noch zu seinen Lebzeiten gerät ein Pechvogel buchstäblich außer Sicht seiner Mitmenschen.

- Paul Chadwick: Die Mordmaschine (The Murder Monster; 1932); S. 35-70: Eine grandiose, aber gefährliche Erfindung wurde gestohlen; Detektive Wade Hammond soll ihren Amoklauf stoppen.

- Arthur J. Burks: Stalagmiten (Women of Stone; 1935); S. 71-98: Tief unter der Erde gerät ein Forscherpaar unter männerblutsaugende Weiber aus Stein.

- Ralph Williams: Kleines Missverständnis (Mistaken Identity; 1957); S. 99-115: Auch Ghule essen gern auswärts, lehnen aber ungebetene (Menschen-) Gäste zumindest lebendig ab.

- Randall Garrett: Der Wunsch-Stein (The Wishing Stone; 1953); S. 116-133: Die Dummen sterben nicht aus, was nicht nur der schlau übers Ohr gehauene Mr. Crimp lieber für sich behält.

- Harry Harrison Kroll: Altweibersommer (Fairy Gossamer; 1924), S. 134-147: Der alte Mann versteckte seine Goldmünzen gut, bevor er starb. Außerdem züchtete er Spinnen und war verrückt, was die Schatzsuche spannend macht.

- J. F. Bone [als Jesse Franklin Bone]: Einfuhrverbot für Horgels (Quarantined Species; 1957); S. 148-175: Sie sind so niedlich, dass alle einen Narren an ihnen fressen - und so in ihre Falle tappen.

- Matthias Käther: Die Pulp Magazines; S. 176-208

Effizienz der Not: Pulp-Schätze werden gehoben

Sie waren die ersten „Hacker“, lange bevor die Welt sich ins Digitale verlagerte: Wer in den 1920er bis 1950er Jahren für die „Pulp“-Magazine schrieb, hatte einen Pack mit dem Teufel geschlossen, der zwar auf die Seele seiner Autoren keinen Wert legte, sie aber permanent am Hungertuch nagen ließ. Wer von den mageren Honoraren leben wollte, musste liefern = seine Storys in die Schreibmaschine „hacken“, ohne sich mit Nebensächlichkeiten wie Form oder Inhalt aufhalten zu können.

Die „Pulps“ sind längst untergegangen, und die meisten Autoren und ihre Werke ruhen mit ihnen in Frieden - zu Recht, denn ihre Elaborate sind so miserabel, dass auch der Nostalgie-Faktor sie nicht retten kann. Allerdings konnte angesichts eines wahren Heeres junger und eifriger Schreiber nicht ausbleiben, dass sich echte Könner unter reine Schreibautomaten mischten. Zudem hatte auch mancher abgebrühte Veteran seine Sternstunden und lieferte trotz der gebotenen Eile hin und wieder ein Garn, das auf einer guten, womöglich originellen Idee basierte.

Solche Juwelen aus der Schlacke zu sieben ist das Streben der Herausgeber Matthias Käther und Michael Schmidt, die zum zweiten Mal tief in die staubigen Gewölbe der „Pulp“-Historie gestiegen und dort Erzählungen gefunden haben, die es wert sind der Vergessenheit entrissen zu werden: Die nun präsentierten sieben Stories wurden zuvor nie ins Deutsche übersetzt.

Unterhaltung mit allen (legalen) Mitteln

Die Aufmerksamkeitsspanne des typischen „Pulp“-Leser wurde redaktionsseitig für kurz gehalten. Autoren sollten rasch zur Sache kommen und Abschweifungen vermeiden. Jene Puristen (sowie Spaßbremsen), die den Wert einer Geschichte nach dem Einsatz raffinierte stilistischer Mittel oder verschachtelter Rückblenden bemessen, dürften zurückschaudern, wenn sie mit zwischentextfreier Unterhaltung in quasi „einfacher Sprache“ bombardiert werden.

Wer sich einen Sinn für das Spektakel bewahren konnte, wird dagegen hoch erfreut sein, zumal sich der Inhalt dieser Sammlung nicht auf Storys beschränkt. Die Herausgeber informieren über die seltsame Welt der „Pulps“ - beispielsweise über den deutschstämmigen Zeichner Hans Wessolowski (1894-1948). Er gehörte zu jenen wenig bekannten Kunsthandwerkern, denen wir die prachtvoll-trivialen Titelbilder und Innenillustrationen verdanken, die ihren Teil dazu beitrugen, die „Pulps“ nie gänzlich untergehen zu lassen.

Zusätzlich wird (fast) jede Geschichte von den Herausgebern eingeleitet und im zeitlichen Umfeld verortet, was für den Lektüregenuss nicht notwendig ist, ihn aber steigert, weil Wissen stets für Zusatzvergnügen sorgt. Dies bestätigt abschließend ein ausführlicher Essay, der das „Pulp“-Phänomen nicht nur chronologisch darstellt, sondern auch thematisch gliedert.

Die freudigen Schrecken des Unerwarteten

Eine Idee wird konsequent ausgearbeitet und auf ihren Höhepunkt gebracht, der identisch mit jenem Aha!-Effekt ist, mit dem der Leser entlassen wird. Was David Wright O'Brien (1918-1944) erzählt, dürfte zwar keine Überraschung mehr darstellen; für uns Kinder einer schnelllebiger gewordenen Zeit kündigt sich die Auflösung schon sehr früh an. Weiterhin deutlich wird freilich die „Pulp“-typische Schnörkellosigkeit: O’Brien konzentriert sich auf sein Thema, kein Wort ist zu viel.

Paul Chadwick (1902-1972) stellt vor die finale Erkenntnis eine actionbetonte, dabei düstere Vorgeschichte und verwickelt einen der zeitgenössisch üblichen, d. h. hartgesottenen Privatermittler in ein Abenteuer, das ebenso SF- wie Horror-Elemente aufweist. Der Roboter als ferngesteuerte, unheimlich menschenähnliche, aber superstarke und gewissenlose Mordmaschine war noch neu, und Chadwick gelingt es auch heute mit seiner Auflösung zu verblüffen.

Ebenso rasant, geradlinig und voller Schrecken sorgt Arthur J. Burks (1898-1974) für Unterhaltung der inzwischen allerdings politisch nicht mehr ‚korrekten‘ Art. Das Grauen ist weiblich, was früher gern zur Andeutung sexueller Exzesse und Ekstasen der offiziell verbotenen bzw. zensierten Art diente; die Leser wussten Bescheid, was sie zwischen den Zeilen lesen sollten. Zudem macht sich eine gewisse Angst vor „der Frau“ bemerkbar: Wehe, wenn sie losgelassen! Trotzdem überträgt Burks die Hauptrolle einer tatkräftigen Frau, die vom Mann an ihrer Seite nicht beschützt wird, sondern im Gegenteil ihn retten muss. Dem rohen Schwung dieses Garns ist Harry Harrison Kroll (1888-1967) mit seiner im Detail stimmigen, aber fahrigen Story nicht gewachsen.

Zwischen Klamauk und (schwarzem) Humor

Nach dem Zweiten Weltkrieg und unter dem Eindruck der dabei erlebten und dokumentierten, ausschließlich von Menschen begangenen Schrecken wurde der Tenor der „Pulps“ dunkler. Früher naiv bzw. unbekümmert entfesselten Schrecken gründeten nun in den Schatten, die das eigene Hirn warf. Der Humor wurde finster und bekam unheilverkündende Untertöne; Ralph Williams (1914-1959) und Jesse Franklin Bone (1916-2006) sorgen nicht nur für Vergnügen, sondern auch für Gänsehaut.

Eine Ausnahmeposition nimmt Randall Garrett (1927-1987) ein. Das übernatürliche Element stellt sich bei ihm nachträglich als Trick heraus. Garrett sorgt für einen ‚doppelten‘ Final-Gag - durch eine Auflösung, die durch die unerwartete Reaktion des düpierten Mr. Gimp in ihrer Wirkung verstärkt wird: Hier haben wir eine der ‚besseren‘ „Pulp“-Storys, die zwar in eine Schreibmaschine „gehackt“ wurde, aber ihre Wirkung bewahren konnte.

Fazit:

Gut ausgesuchter, abgehangener, eher gereifter als ranzig gewordener „Pulp“ wird kommentiert und erläutert; der Text durch zahlreiche zeitgenössische Magazin-Illustrationen aufgelockert. Die Übersetzung ist einwandfrei, das Lektüre-Vergnügen währt über die gesamte Seitendistanz.

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