Fantastic PULP 3

  • Blitz
  • Erschienen: November 2022
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Michael Drewniok
80°

Phantastik-Couch Rezension vonDez 2022

Acht Perlen aus dem Gruselsumpf

Acht gruselige, manchmal trotzdem humorvolle Storys - hierzulande selten oder noch gar nicht erschienen - aus Magazinen der Jahre 1910 bis 1953:

- Vorwort, S. 7/8

- David H. Keller: Es kommt (The Worm; 1929), S. 9-38: Er haust in der aufgegebenen Familienmühle und lässt sich auch von einem Monster nicht vertreiben!

- Maurice Duclos: Der Monsterzüchter (Spawn of the Ray; 1938), S. 39-69: Ihm gelingt die Erschaffung von Leben, das sich folgenreich aus seinem Privatlabor befreien kann.

- Eleanor Scott: Der Volkstanz (Randall‘s Round; 1929), S. 70-94: Sie tanzen seit uralter Zeit, damit die Kreatur im alten Hügelgrab nicht zu ihnen und über sie kommt.

- Seabury Quinn: Dunkel der Zeiten (Out of the Long Ago; 1925), S. 95-128: Die Archäologen stören einen Werwolf, doch unter ihnen ist einer, der weiß was zu tun ist.

- J. J. Connington: Abwehr-Mechanismus (The Thinking Machine; 1938), S. 129-154: Das künstliche Wesen ist ein schlauer als sein Schöpfer, was dieser zu spät bemerkt.

- Emil Petaja: Die Aussichtsplattform (The Dark Balkony; 1951), S. 155-183: Was die Tante dort empfing, ‚erbt‘ nun ihr (neu-) gieriger Neffe.

- Winston K. Marks: Der Wasserfresser (The Water-Eater; 1953), S. 184-205: Statt ein kräftiges Putzmittel zu mischen, erschafft Charlie neues, unheimliches Leben.

- Edith Nesbitt: No. 17 (No. 17; 1910), S. 206-223: Der Gast erfährt, dass sich In seinem Hotelzimmer bereits drei Vorgänger die Kehle durchgeschnitten haben.

Rückkehr aus Staub und Zerfall

Dieser Sammelband beweist, dass manchmal tatsächlich aller guten Dinge drei sind. Abermals stöberte das Herausgeber-Duo Schmidt & Käther in uralten, bröckeligen, manchmal glücklicherweise digitalisierten Magazinen und Zeitschriftenbeilagen des 20. Jahrhunderts. Es erschienen unzählige dieser möglichst kostengünstig umgesetzten Publikationen, die einer Unzahl mehr oder weniger begabten Autoren ein Forum boten.

Die schiere Masse des entstandenen Materials garantiert dafür, dass trotz der notorisch niedrigen Honorare neben trivialster ‚Verbrauchsliteratur‘ durchaus Qualitätsware entstand, die viel zu unterhaltsam geraten ist, um in ewige Vergessenheit zu geraten. Die Ära der Magazine endete nach dem Zweiten Weltkrieg, und ihre Inhalte versanken für Jahrzehnte im Nirgendwo. Vor allem die billig produzierten „Pulps“ hatte man nicht für die Ewigkeit gedruckt.

Sammler sorgten dafür, dass sie überdauerten, bis ihre Stunde wieder schlug, denn heute hat sich der Blick auf die einst verachtete „Trash“-Magazine gewandelt. Das oft geschmähte Internet unterstützt ihre Wiederkehr, denn die raren, von Zerfall bedrohten Exemplare wurden behutsam eingescannt. Online stehen sie nun einer neuen Generation oft faszinierter Leser zur Verfügung, die erstaunt feststellen, dass man schon vor vielen Jahren wusste, wie man ein Garn möglichst spannend spinnt.

Zwischen Grauen und Hinterlist

Allerdings blieben die so geretteten Storys erst einmal im O-Text. Unzählige Texte schlummern quasi nutzlos in diversen (digitalen) Archiven, da die Leser hierzulande die Lektüre mehrheitlich in ‚ihrer‘ Sprache vorziehen. Hier springen Schmidt & Käther in die Bresche. Kundig und mit Gespür für Erzählungen, die qualitativ überdurchschnittlich sind bzw. das phantastische Genre ‚nur‘ handwerklich, aber einfallsreich bedienen, bergen sie Story-Gold aus wahrlich obskuren Minen!

David Henry Keller (1880-1966), der nicht nur ein fleißiger Autor, sondern auch ausgebildeter und praktizierender Neurologe war, präsentiert ein turbulentes Duell zwischen Mensch und Monster, wobei er offenlässt, ob diese Begegnung mit dem Übernatürlichen tatsächlich stattfindet oder sich nur im Kopf eines Mannes abspielt, der in seiner Einsamkeit den Verstand verloren hat. Die Kulisse - eine Mühle - ist bizarr, aber Keller sorgt dafür, dass sie zum idealen Schauplatz eines grotesken ‚Kampfes‘ auf Leben und Tod wird!

Niemand weiß, wer sich hinter dem Pseudonym „Maurice Duclos” verbirgt. Der Wirkung seiner Story tut dies keinen Abbruch. Schon vor dem Zweiten Weltkrieg sorgten naturwissenschaftliche Forschungen für Hypothesen über die Entstehung des Lebens, die umgehend und dankbar von den „Pulp“-Autoren übernommen und auf ihre Gruseltauglichkeit abgeklopft wurden. Die „Urzeugung“ war schon zuvor Element der Phantastik, doch nun entdeckte man jenseits der Furcht vor dem, was unvorsichtige Experimente in diese Welt bringen könnten, die komische Seite des fehlgeleiteten Wissensdrangs. Winston Kenney Marks (1915-1979) schlägt in dieselbe Kerbe, wobei er Witz und Horror nicht nur gelungen mischt, sondern in einem zündenden Final-Gag zusammenführt.

Neugier ist nicht nur der Katze Tod

J. J. Connington (d. i. Alfred Walter Steward, 1880-1947) greift die ähnlich spektakuläre Entwicklung einer zeitgenössischen Technik auf, die anscheinend jede Grenze bald sprengen würde. Ungeachtet noch primitiver ‚Computer‘ und ‚Roboter‘ machte man sich Gedanken über das Wesen einer künstlichen Intelligenz, die sich womöglich selbstständig machen und über ihre menschlichen Schöpfer kommen könnte. Auch Connington mischt Humor und Horror und sorgt für ein offenes Ende, das zukünftiges Unheil ankündigt.

Edith Nesbitt (1858-1924) bleibt der Tradition verhaftet, verknüpft aber die englische Geistergeschichte mit einer Moderne, die sich über solchen Aberglauben erhaben dünkt. Dagegen halten Eleanor Scott (d. i.  Helen Madeline Leys, 1892-1965) und Seabury Quinn (1889-1969) den klassischen Horror lebendig, der sich aus einer nie wirklich überwundenen Vergangenheit speist. Zwar können sie ihm keine neuen Impulse einhauchen, doch sie wandeln ihn ab und sorgen dafür, dass sich sein altbekannter Zauber einstellt. Auch Emil Theodore Petaja (1915-2000) beschwört einen oft zum Einsatz gebrachten Schrecken, entkleidet ihn jedoch der klassischen Elemente und bringt ihn in die moderne Gegenwart - so ‚moralfrei‘, dass es dauerte, bis er einen Herausgeber fand, der seine Story veröffentlichte.

Solche interessanten Hintergrundinformationen lassen sich den Einführungen entnehmen, die Schmidt & Käther jeder Story voranstellen. Das Jahrhundert der Magazine ist zumindest hierzulande ein bisher nur ansatzweise rekonstruiertes Kapitel der Literaturgeschichte. Man möchte mehr erfahren - über die Autoren, ihre Arbeit, die Magazine. Darüber hinaus freut man sich auf weitere Ausgrabungen. Schmidt & Käther kündigen sie an. Hoffen wir, dass die Resonanz des Publikums weiterhin groß = einträglich genug bleibt! Dass dieser dritte Band deutlich seitenärmer als seine beiden Vorgänger ist, lässt Befürchtungen erwachen, die sich hoffentlich nicht bewahrheiten werden.

Fazit:

Zum dritten Mal zeigt die Sammlung „Fantastic Pulp“, dass die Phantastik der Vergangenheit keineswegs altmodisch i. S. von verstaubt und langweilig sein muss. Die Auswahl ist gelungen, und nostalgisch unterfütterter Lektürespaß stellt sich über die gesamte Distanz ein.

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