Das Rad der Zeit

von Sebastian Fischer

Eine Hommage an etwas Großes

Das Rad der Zeit dreht sich, Zeitalter kommen und gehen und hinterlassen Erinnerungen, die zu Legenden werden. Legenden verblassen zu Mythen, und selbst die sind längst vergessen, wenn das Zeitalter wiederkehrt, das an ihrem Ursprung stand. In einem dieser Zeitalter, manche nennen es das Dritte Zeitalter, das einst kommen wird, das schon lange vergangen ist, erhob sich ein Wind in den verschleierten Bergen. Der Wind stand nicht am Beginn. Es gibt keinen Beginn und kein Ende, wenn sich das Rad der Zeit dreht. Doch zumindest setzte der Wind etwas in Bewegung.“ (Aus „Das Rad der Zeit 1 – Die Suche nach dem Auge der Welt“ von Robert Jordan; S. 42 der 6. Auflage 2016, Piper Verlag).

Diese Worte sind Wirkungstreffer, zumindest für diejenigen, die in den Genuss gekommen sind, den Epos „Das Rad der Zeit“ zu lesen. Da es sich bei dieser Romanpalette um eine der umfangreichsten in der Literaturgeschichte handelt, gehört eine Prise Geduld und Durchhaltevermögen sicherlich zu den Eigenschaften, die potenzielle Leser dieser prägenden Reihe in ihrem Abenteuerrucksack dabeihaben sollten.

Wem der Berg an Kapiteln zu hoch erscheint, hat die Möglichkeit, sich bei Amazon Prime von der gleichnamigen Serie berieseln zu lassen. Doch aufgepasst! Wie so oft, hier aber im Besonderen, kann die Verfilmung nicht im Ansatz der Tragweite des geschriebenen Wortes das Wasser reichen. Wer Werken wie den Sturmlicht-Chroniken von Brandon Sanderson, Das Schwert der Wahrheit von Terry Brooks, Osten Ard von Tad Williams oder Das Lied von Eis und Feuer von George R. R. Martin nicht den Rücken kehren kann, ist beim „Rad der Zeit“ goldrichtig. Aber selbst für all diejenigen, die bislang keinerlei Erfahrungen mit umfangreichen Fantasy-Epen haben, lohnt es sich, den berühmten Stein ins Rollen zu bringen (damit meine ich, zur nächsten Buchhandlung zu sprinten, den ersten Band auf den Tresen zu pfeffern und die Geldscheine fliegen zu lassen).

Mir war es schon immer ein Anliegen, mich mit Menschen über diese Romanreihe auszutauschen oder sie zu verführen, diese Bücher zu lesen. Aus diesem Grunde entstand die Idee, diese Plattform zu nutzen, um eine Art Hommage für diese Romane in die Tastatur zu hämmern. Fokussieren möchte ich mich dabei auf die tragenden Säulen dieser Bücher: das geografische und politische Worldbuilding, die Magie, die Vielzahl an Charakteren und deren beträchtliche Entwicklung.

Vorab aber ein paar Worte zum Autor

Robert Jordan, der im echten Leben auf den Namen James Oliver Rigney Jr. hörte, wurde am 17. Oktober 1948 in South Carolina, USA, geboren. Bevor er sich dem Schreiben widmete, diente er als Offizier in den Streitkräften der Vereinigten Staaten.

Sein Durchbruch, eine völlig untertriebene Beschreibung im Zusammenhang mit dem Welterfolg und der schieren epischen Bandbreite, die Jordan mit seinen Romanen über "Das Rad der Zeit", den Lesern dieser Welt präsentierte, gelang ihm ab den 1990er Jahren. Leider verstarb Jordan mit 58 Jahren an einer seltenen Krankheit, bevor er es fertigbrachte, sein Lebenswerk zu beenden. Harriet McDougal, seine Ehefrau und Lektorin, begab sich nach dem Tod Jordans auf die Suche nach einem Schriftsteller, der den Mut und das Talent besaß, in die Fußstapfen Jordans zu treten und den Zyklus „Das Rad der Zeit“ abzuschließen. Robert Jordan hinterließ eine Reihe von Notizen und Entwürfen, die es einer Autorin oder einem Autor erleichtern sollten, diese Herkulesaufgabe zu vollbringen. Schlussendlich fiel die Wahl auf niemand Geringeren als Brandon Sanderson, der sich bereits damals (2007) einen Namen innerhalb des Fantasy-Genres gemacht hatte. Kennt man die Bücher Sandersons, auch wenn viele davon erst in späteren Jahren erschienen sind, erscheint diese Wahl folgerichtig. Beide Autoren lieben es, ihre Geschichten in einem Blumenmeer aus verschnörkelten Details zu Papier zu bringen. Ausschweifungen über vermeintlich Nebensächliches gehören in ihren Romanen zur Tagesordnung. Diese Aspekte, auch wenn sie von manch einem kritisiert werden, sind mit ein Grund für die großartige Bandbreite an Fanliebe, die diesen Granden der Fantasyliteratur entgegenschwappt, wie die Wellen einer stürmischen See.

Dank Sanderson durfte die riesige Fangemeinde des Rads der Zeit die abschließenden drei Romane in den Händen halten und genießen.

„Legenden verblassen zu Mythen […]“

Der Weltenbau gehört zu den großen Künsten der phantastischen Literatur. Obgleich einem die immerwährenden und scheinbar niemals abnutzenden Tolkien-Vergleiche zum Halse raushängen, möchte ich diesen Schlenker an dieser Stelle ebenfalls nehmen. J. R. R. Tolkien hat vor allem mit seinem Worldbuildung eine unvergleichliche Tragweite an Legenden und Mythen geschaffen, die Mittelerde zum Leben erweckt. Was Tolkiens Erklärungen in Bezug auf magische Anwendungen fehlt, da sind andere kreative Köpfe Vorreiter, verbirgt er gekonnt hinter einer umfangreichen und fiktiven Geschichtsschreibung, die die Nationen und Helden von Mittelerde an der Sphäre der Wirklichkeit kratzen lässt.

Legenden und Mythen dienen Autoren dazu, ihren Welten Struktur zu geben. Sie sind der erste Schritt hin zu gefestigten Fundamenten aus Gesellschaftsformen und Glaubenssätzen. Die Legende des „Wiedergeborenen Drachens“, ist der Fixpunkt in Jordans Universum, um den sich die Figuren und die Geschichte drehen, wie unsere Erde um die Sonne. Dabei gelingt es Jordan meisterlich, diese Legende in die Nationen seiner Welt einfließen zu lassen.

Kurze Anmerkung: Es geht hier nicht wirklich um einen Drachen mit Schuppen, Schwingen und schädlichem Feueratmen, wie ihn die Fantasy-Literatur für gewöhnlich skizziert. In Das Rad der Zeit ist mit Drache vielmehr eine Art Titel oder Bestimmung gemeint. Wird er von den einen verehrt, versuchen andere, den Drachen zu manipulieren oder gar zu vernichten. Der Wiedergeborene Drache ist die Verkörperung des Kampfes gegen den Dunklen König, dessen Bestreben darin besteht, das Ende der Welt herbeizuführen. Ausgehend von dieser Legende, die zum Mythos verblasst, verbindet Jordan Handlungsstrang um Handlungsstrang, der den Leser in einem Netz gefangen hält, das undurchdringbar erscheint.

Ja, ich weiß, liebe Leser, wieder einmal wird uns das durch und durch Böse vorgesetzt, dass nicht weniger möchte als die völlige Vernichtung jeglicher Zivilisation. Das ganze „böser König-Ding“ ist trivialer als die „überraschenden Wendungen“ der heiß begehrten Enemy-to-Lover-Erzählungen, die uns in den Buchhandlungen dieser Welt entgegenspringen. Gleichwohl: Das ultimativ Böse als Feind funktioniert, sofern die Gefilde, die den Feind umgeben, den Leser mit genügend interessanten und spannenden Momenten versorgen, um ihn bezirzt zurückzulassen.

Das Rad der Zeit bietet eine Fülle an Personen, vergleichbar mit dem Protagonisten-Konsortium von Das Lied von Eis und Feuer. Ähnlich wie George R.R. Martin wechselt auch Jordan von Kapitel zu Kapitel die Protagonisten. Ich stelle die rasante These auf, dass hier ist wirklich für jeden ein passender Charakter dabei ist, der sich liebevoll im Leserherz verankert. Bei so vielen unterschiedlichen Charakterköpfen, da brauche ich nicht mit Schönrederei um die Ecke zu kommen, gibt es immer mindestens einen, der das abgrundtief niederträchtige in uns hervorruft. Nynaeve und ihre Engstirnigkeit zum Beispiel, haben mich einige Male mit verbalen Obszönitäten um mich werfen lassen, dass sich die Balken biegen.

Diese Bücher erfinden mit ihren Figuren das Rad nicht neu (Achtung, geistreiche Bemerkung wegen „Rad der Zeit“). Archetypische Protagonisten, wie den weisen Mentor oder den Auserwählten (insbesondere den Auserwählten) findet man in diesen Werken genauso wie die junge Egwene al´Vere, die als starke Kriegerin und Sprengerin konservativer Ketten herhalten muss. Das besondere bei Robert Jordans Lebenswerk ist jedoch die Zeit, die er darauf verwendet, seinen Charakteren eine liebevolle und authentische Entwicklung zu schenken. Aus Rand al`Thor wird nicht über Nacht der Erlöser der Menschheit. Seine Heldenreise schreitet langsam voran und ist mit steinigen Hindernissen gepflastert. Seine Odyssee wird von stetigen Gegensätzen bestimmt, die sich immer wieder neu verschieben. Sein Schicksal, die Entmenschlichung auf dem Pfad zum Mythos und sein Wunsch nach freiem Willen, toben in ihm wie ein Kampf der Titanen. Hinzu kommt die ständige Angst, von der Macht und dem Wahnsinn der männlichen Magie kompromittiert zu werden (hierzu später mehr).

Aus dem offenherzigen Bauernjungen, wird ein verschlossener Machtlenker der nicht nur das Böse bekämpfen muss, sondern sich auch mit seinen inneren Dämonen und der Legende des „Wiedergeborenen Drachen“ in stetiger Auseinandersetzung befindet. Rand al´Thors Kampf mit Gegenwart und Vergangenheit steht dabei sinnbildlich für das Wirken des Rads der Zeit.

Auch die anderen toll skizzierten Figuren sind mit Ambivalenz gespickt, wie die Aiel Wüste mit Sand (Region aus „Das Rad der Zeit“). Das Zusammenspiel der Protagonisten ist dabei insbesondere durch Freundschaft, Liebe und Rivalität geprägt.

So gilt insgesamt, dass Jordans Figuren und Nationen vielfältig daherkommen und das perfekte Gleichgewicht zwischen Qualität und Quantität darstellen. Wir dürfen zusammen mit den Protagonisten durch unterschiedlichste Königreiche reisen, durch Wüsten und riesige Metropolen, wir kämpfen uns durch den Sumpf von Intrigen einer Organisation weiblicher Magieanwender, wir lernen religiöse Fanatiker zu hassen oder verfolgen staunend eine magische Schlacht über den Wolken. Hinter diesen breit gefächerten Ereignissen verbirgt sich eine Vielzahl an Details und Entwicklungen, die unsere männlichen und weiblichen Protagonisten, egal ob als Sohn eines Schmiedes oder Tochter einer Königin, in ihrem Kampf gegen das Böse durchleben. Aus einer Handvoll Jugendlicher, aufgewachsen in einem abgeschiedenen Dorf, erblühen mit der Zeit machtvolle Magier, scharfsinnige Strategen, mutige Krieger und einfühlsame Liebhaber. Wohlgehütete Prinzessinnen verlassen ihr wärmendes und von Burgmauern umgebendes Nest, um selbst mit Schwert und Magie das Heft des Handelns in die Hand zu nehmen. Diese Bücher haben keinen im Fokus stehenden Protagonisten. Robert Jordan widmet all seinen Schöpfungen genug Zeit, um sie tief in den Herzen der Leserschaft zu verankern.

Magie mit Tiefgang

Wie oft habe ich mich schon über Romane geärgert, die ihrer Magie so viel Tiefgang bescheren wie eine verkümmernde Oase in der Aiel-Wüste. Wenn ich nicht mehr bekomme als die plumpe Beschreibung, dass ein Magier seine Hand hebt, um einen Feuerball vom Zaun zu lassen, oder eine Zauberin die ihre Finger bewegt, um den Wind herbeizurufen, vertrocknet mein Wissensdurst elendig. Wer der Magie oder besonderen Fähigkeiten eine zentrale Rolle in seinem Roman zugesteht, sollte sich auch die Zeit nehmen, die Methodik mit Leben zu füllen. Sei es wie in Harry Potter durch einen Zauberspruch und Stabbewegung oder wie bei Trudi Canavans Gilde der Schwarzen Magier, in der der Leser Schritt für Schritt an die Anwendung von Magie herangezogen wird. Gleiches gilt für die Allomantie oder die strahlenden Ritter aus Brandon Sandersons Kosmeer. Magie ist kein unumstößliches Dogma, sondern eine Wissenschaft, an der es in der wirklichen Welt mangelt. Deswegen hat die Magie als Oberbegriff des Übernatürlichen eine so geballte Sogwirkung, die ihre verführerischen Brotkrumen auswirft, um die Menschen in die Gefilde der phantastischen Literatur zu führen.

Robert Jordan verpasst seiner Magie genug Tiefgang, um die Aiel-Wüste in einen Ozean zu verwandeln (so, genug jetzt mit Vergleichen zur Aiel-Wüste). Männern und Frauen stehen unterschiedliche Flüsse der Magie zur Verfügung. Während die eine Strömung mit einer um sich greifenden Glückseligkeit daherkommt, hat der dunkle König den männlichen Strom der Magie mit verderbenden Psychosen verpestet, die die Machtlenker mit der Zeit in den Wahnsinn treiben. Dadurch ist Jordans Magie mehr als nur eine bildgewaltige Anwendung. Jordans Magie ist außerdem Politik, Hetzjagd und Intrige. Ein andauernder Kampf der Geschlechter um Herrschaft und Ansehen.

Sobald unsere Protagonisten lernen, die Ströme der Magie zu beherrschen, auf den Fäden der Magie zu spielen wie auf einer Violine, wird mein Wissensdurst gestillt, gleich einem süßen Nektar, der meine Kehle hinabrinnt.

Magie bedeutet auch immer ein Spiel der Macht. Nie waren die Verschiebungen von Machtverhältnissen so intensiv mitzuerleben wie in "Das Rad der Zeit". Nie hat man sich als Lesender, in seine Lieblingsprotagonisten hineinversetzt, so mächtig gefühlt wie in diesem Epos. Nie hat die schiere Stärke der Magie Verletzlichkeiten so offengelegt wie in diesen Büchern.

Geduld ist eine Tugend

In Zeiten kurzer Aufmerksamkeitsspannen (Social Media lässt grüßen), steht der Verkauf solch gigantischer Epen für die Verlagshäuser dieser Welt sicherlich nicht im Vordergrund. Das deckt sich mit den Listen aktueller Neuerscheinungen, die vollgespickt sind mit Romantasy-Farbschnitten, deren Tiefgang zumeist eher schmeichelhaft daherkommt. Zudem schwingt das Trendpendel klar zu Trilogie oder Dilogie. Je kürzer und kompakter das Ganze, desto sicherer das Gefühl der Verlagshäuser. Völlig berechtigt, denn schlussendlich bestimmt der Endkonsument durch sein Kaufverhalten wie die Herausgeber am Markt agieren. Wer sich mit diesem Thema mal näher beschäftigen möchte, dem kann ich den lesenswerten Artikel „Was ist mit der epischen Fantasy los?“ (veröffentlicht bei Tor Online) von Markus Mäurer empfehlen, der für die Redaktion von Tor Online tätig ist.

Das Rad der Zeit hatte das Glück, wegen seiner Serienadaption von Amazon Prime einen zweiten Frühling erleben zu dürfen. Die Verkaufszahlen in den letzten Jahren stiegen wieder an und ein Platz in den Bestsellerlisten war gesichert. Auch Brandon Sandersons Sturmlicht Chroniken (in 2025 erscheinen 2 neue Bücher, mittlerweile Band 11 und 12), sind fester Bestandteil jeder Buchhandlung und erfreuen sich einer riesigen Fangemeinde.

Ich persönlich würde mich freuen, wieder mehr ausufernde epische Fantasy in der Buchhandlung meines Vertrauens zu finden. Vielleicht hat das sich langsam und gleichmäßig bewegende Rad der Zeit ja ein paar Überraschungen für uns auf Lager und in den nächsten Monaten und Jahren erwartet uns ein Festmahl der epischen Fantasy à la Robert Jordan, Brandon Sanderson, George R.R. Martin, Bernard Hennen und Co.

Vielleicht bedarf es manchmal einfach einem kleinen Zündfunken, um ein Inferno zu entfachen. Ein kleiner aber mutiger Schritt, sich mit umfangreicher epischer Fantasy auseinanderzusetzen. Wenn ich mit diesem Artikel der Funken für den ein oder anderen sein könnte, wäre ich überglücklich. Denn kaum etwas bereitet mehr Freude, als seine Mitmenschen mit seinem eigenen Enthusiasmus anzustecken.

Ich verneige mich

Mit folgenden Worten möchte ich enden:

Das Rad der Zeit ist ein umfangreiches, komplexes und bildgewaltiges Epos, das die mutigen herausfordert und die Schüchternen verführt. Das Lesen dieser Bücher gleicht dem Besteigen des Mount Everest. Geduld und Durchhaltevermögen sind gefragt. Doch jedes Höhenlager belohnt die Tüchtigen mit einem schier atemberaubenden Ausblick in die Dramatik der epischen Fantasyliteratur.

Fantasy & Magic
(MUSIC.FOR.BOOKS)

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