Fantastic PULP 4
- Blitz
- Erschienen: Dezember 2024
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8 x gruselig gut gereifter Schrecken
Acht hierzulande zuvor nie erschienene Erzählungen aus Magazinen u. a. flüchtigen Publikationen der Jahre 1875 bis 1955:
- Vorwort, S. 7/8
- Ernest Favenc: Das Manuskript des George Seamore (My Story; 1875), S. 9-60: Tief in der australischen Wildnis setzt sich der in England begonnene Kampf gegen einen bösen Nekromanten fort.
- Otis Adelbert Kline: Die Essenz des Bösen (Dr. Dorp; 1924), S. 61-99: Er schuf bisher unbekanntes Leben, aber dies zeigt sich in keiner Weise dankbar.
- John Martin Leahy: In Amundsens Zelt (In Amundsen's Tent; 1928), S. 100-132: Am Südpol steht besagtes Zelt, in dem es sich eine grauenhafte Kreatur gemütlich gemacht hat.
- Gordon MacCreagh: Dr. Muncing, Exorzist (Dr. Muncing, Exorcist; 1931), S. 133-177: Nachdem Möchtegern-Okkultisten versehentlich etwas Böses aus der Finsternis lockten, rufen sie einen Spezialisten zu Hilfe.
- Arthur Leo Zagat: Die Mitternachtsbestie (Midnight Fangs; 1934), S. 178-206: Ein alter Familienfluch mit scharfen Zähnen scheint in der neuen Welt aufzuleben.
- Laurence Kirk: Dr. Macbeth (Doctor Macbeth; 1940), S. 207-236: Die zornige Tante zahlt dem verrückten Wissenschaftler den perfekten Mord an ihrer Nichte heim.
- David Wright O´Brien: Die sonderbare Wandlung des Mr. Lane (The Case of Jonathan Lang; 1942), S. 237-260: Ein böses Genie stiehlt ihm nicht nur sein Leben, sondern auch seinen Körper, wobei sich letzteres als fataler Fehler herausstellt.
- Winston K. Marks: Die Körperformer kommen! (Kid Stuff; 1955), S. 261-272: Sie wollen wie alle Kinder nur spielen, doch als die Mutter kommt, um sie zu holen, haben sie den unglücklichen Erdmenschen schon nach ihren Vorstellungen ‚verbessert‘.
- Matthias Käther: Viktorianischer Schrecken, S. 273-325
- Mitarbeitende: S. 326/27
Schatzsuche in verborgenen, aber ertragreichen Minen
Manchmal kommt es nicht zum Schlimmsten: Nachdem sich nach Band 3 der „Fantastic-Pulp“-Serie eine unheilverkündende, mehr als zweijährige Lücke auftat, wird diese nun doch fortgesetzt - und nicht nur preislich unverändert, sondern trotzdem um 100 Seiten verlängert! Da das Herausgeberduo außerdem Verstärkung bekommen hat, wird im Vorwort sogar eine Verkürzung der Frist bis zu neuen Ausgaben angedeutet!
Erfreulicherweise scheint es auch hierzulande Leser für alte, triviale oder schlicht zeitlos spannende Phantastik zu geben. Hier geht es wohlgemerkt nicht um den ‚literarischen‘ = ‚wertvollen‘ Horror, der das Geschehen symbolstark untermalt (oder verrümpelt) und den Ausgeburten des Jenseits’ möglichst wenig Raum gibt, um durch deren Andeutung die Vorstellungskraft der Leser auf die Probe zu stellen. Stattdessen wird mit offenem Visier gespukt (oder außerirdisch gewirkt), was ebenfalls Talent und Routine erfordert, um das Publikum zu fesseln.
Wo dies gelingt, ist nebensächlich bzw. spielt nur insofern eine Rolle, als viele der ‚nur‘ unterhaltsamen Garne aufgrund ihrer Publikationshistorie in Vergessenheit geraten sind. Mitherausgeber Matthias Käther geht in seinem ausführlichen Essay „Viktorianischer Schrecken“ nicht nur eingehend auf „Horror und Dark Fantasy in Großbritannien 1834-1914“ ein, sondern beschreibt auch das Schicksal eines Erbes, dem Schimmel und Silberfische zu schaffen machen.
Dem miesen Honorar zum Trotz
Während der in Buchform gepresste Horror ungeachtet kleiner Auflagen eine recht gute Chance hatte, in Bibliotheken, Archiven und persönlichen Sammlungen zu überleben, stand es stets schlecht um jene Werke, die in Magazinen, Zeitungen oder deren Beilagen erschienen. Sie wurden gelesen, um anschließend im Ofen, unter dem Papageienkäfig oder in der Mülltonne zu enden. Nicht immer fanden sie einen ruhigen Winkel, in dem sie diesen Finalnutzungen entkamen.
Zudem interessierten sich die weiter oben erwähnten, stets hungrigen Liebhaber für die auf billiges, holzhaltiges Papier gedruckten und offenbar gut verdaulichen Publikationen. Hinzu kommen Überlieferungs- und Kenntnislücken, was vor allem die in zahlreichen (britischen) Kolonien erschienenen Zeitungen und ihre Beilagen angeht. Wie die in diesem Band abgedruckte Erzählung von Ernest Favenc (1845-1908) belegt, waren auch dort durchaus fähige Autoren aktiv. Favenc erinnert außerdem daran, dass selbst bekannte Plots in unbekannten Kulissen - hier die Wildnis Australiens - an Reiz gewinnen (können): Die Variation sorgt für frische Impulse.
Natürlich ist nicht alles Gold, nur weil es im Verborgenen glänzt. Viele Storys wirken inhaltlich bekannt, und die handelnden Figuren sind Stereotypen. Nicht gute, sondern treffende Beispiele sind die Storys von Otis Adelbert Kline (1891-1946) und David Wright O´Brien (1918-1944). Man sollte sich aber bewusst sein, dass diese Geschichten vor vielen Jahrzehnten entstanden, als Klischees noch unverbraucht waren. Das Alter begründet auch ein Erzähltempo, das uns heute schleppend erscheint: Wir wissen deutlich früher als die begriffsstutzigen ‚Spezialisten‘, was in Klines Labor des übergeschnappten Wissenschaftlers vorgeht!
Solides Handwerk mit Unterhaltungsgarantie
Dass ‚alter‘ Horror funktionstüchtig bleiben kann, demonstriert uns John Martin Leahy (1886-1967) mit einem Plot, der den meisten zeitgenössischen Lesern noch gut im Gedächtnis gewesen sein dürfte: Der dramatische Wettlauf zum Südpol und sein tragisches Ende für das britische Expeditionsteam (1912) lag zum Zeitpunkt der Erzählung nur 16 Jahre zurück. Erbarmungslose Kälte und Einsamkeit sorgen für den idealen Schauplatz eines Horrortrips, der aufgrund der kahlen Umgebung keinerlei Versteck bietet.
Noch bis zum Zweiten Weltkrieg existierte der Mythos vom Genie, das in seinem Kellerlabor mit kruder Chemie oder naturgesetzferner Technik hantiert, dabei Großes (oder Grässliches) erschafft (oder weckt) und darüber (oder sowieso) den Verstand verliert. Schon Kline hatte dies thematisiert. Laurence Kirk (= Eric Andrew Simpson, 1895-1956) sprengte den für diese Geschichten typischen Ernst, indem er einem solchen „mad scientist“ eine Amateurdetektivin à la Miss Marple gegenüberstellt, die sich der Herausforderung unter Einsatz unerwarteter Methoden stellt.
Weniger gefährlich sind jene Fachleute, die zwar studiert haben, aber nicht verrückt geworden sind, obwohl sie sich der ‚normalen‘ Wissenschaft fernhalten und gelehrt (wie Sherlock Holmes) in jene Winkel vordringen, in denen sich nicht das Verbrechen, sondern das übernatürlich Böse manifestiert. Gordon MacCreagh (1886-1953) und Arthur Leo Zagat (1896-1949) stützen sich auf diesen Plot, wobei ersterer genüsslich über „Narren“ herzieht, die ohne Kenntnis der Gefahr, der sie sich und ihre Mitmenschen aussetzen, aus Langeweile mit dem Jenseits herumpfuschen.
Vergnüglich aus dem Rahmen fällt Winston Kinney Marks (1915-1978) mit einer ebenso witzigen wie boshaften Story. Auch hier kennen wir Spätgeborenen die Auflösung (oder erschließen ihn uns aus dem Originaltitel), aber der Autor überrascht mit bizarren Einfällen und einem zwar zensurtechnisch bedingt ‚verschleierten‘, aber schon einst trotzdem verständlichen und plausiblen Final-Gag.
Fazit:
Zum vierten (und hoffentlich nicht letzten) Mal präsentieren die Herausgeber kurze und längere Geschichten, die ihre gruselige, mysteriöse oder anderweitig fantastische Wirkung ungeachtet ihres Alters entfalten können: acht beherzte Griffe in bisher nur spaltbreit geöffnete Schatztruhen!

Matthias Käther, Michael Schmidt, Blitz




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