Der Name des Windes

Erschienen: Januar 2008

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Frank A. Dudley
Die unwiderstehliche Biografie des Zauberers

Buch-Rezension von Frank A. Dudley Aug 2007

In den letzten Monaten gab es einige Fantasy-Debüts, deren Qualität für Erstlingsromane jeweils überraschend hoch ist. Scott Lynchs "Die Lügen des Locke Lamora" und Alan Campbells "Scar Night" zählen dazu. Auch Patrick Rothfuss, Englisch-Dozent in Wisconsin/USA, hat mit "Der Name des Windes" einen Roman geschrieben, von dem man kaum glauben kann, dass es sein erster ist.

"Der Name des Windes" erzählt die Geschichte von Kvothe, dem besten, berühmtesten und berüchtigsten Magier seiner Zeit. Doch wer denkt, es geht gleich los mit Zauberei, Tränken und magischen Künsten, der muss sich bis zur Mitte des Buches gedulden. Denn bis dahin berichtet Kvothe, mittlerweile untergetaucht als Kneipier, von seiner Kindheit und frühen Jugend, die er mit seinen Eltern und ihrer umherziehenden Theatertruppe glücklich verbracht hat. Nur zweimal begegnet ihm Magie: Einmal, als sein mitreisender Lehrer aus Wut eine stürmische Brise verursacht, indem er den Wind beim Namen ruft - was den hochintelligenten aber undisziplinierten Kvothe derart beeindruckt, dass er diese Kunst auch erlernen will. Das andere Mal ist für den Jungen weitaus tragischer, denn als er vom Holzsammeln zurückkehrt, findet er nur noch Leichen im zerstörten Schauspielerlager. Die Mörder verstecken sich aber nicht, sie reden mit ihm, und als sie sich vor seinen Augen in Nichts auflösen, weiß Kvothe, dass es die Chandrian waren, Angehörige eines dunklen und sagenumwobenen Zaubererordens.

Kvothes Streben ist seitdem von Rache befeuert. Er vegetiert lange Jahre als Straßenkind und bettelt, bis er es dank seiner enormen Willenskraft und überragenden Intelligenz schafft, an der Universität aufgenommen zu werden. Da er die Aufnahmeprüfung mit Bravour meistert, erhält er für das erste Semester ein Stipendium. Er schreibt sich für alle Kurse in theoretischer und angewandter Magie ein und brilliert in allen Fächern. Doch seine hartnäckigen Rachegedanken, der Verlust seiner Eltern und die Zeit als Bettelkind haben ihn auch rücksichtslos und selbstbezogen gemacht. So stolpert er von einem Skandal in den nächsten, wird bestraft und belohnt, muss um den Fortgang seiner Studien bangen, schafft sich mächtige Feinde und verliebt sich unsterblich, aber unglücklich.

Harry Potter für Erwachsene

Ein Junge mit schwierigem Charakter verliert seine Eltern, studiert magische Künste, gewinnt Freunde und Feinde unter seinen Mitschülern und Lehrern, um schließlich den Tod seiner Eltern zu rächen: Das klingt nicht ungewöhnlich, sondern sehr, sehr bekannt. Aber es hat in diesem Fall mit dem enorm erfolgreichen englischen Zauberlehrling nicht mehr gemein als den Basis-Plot. Was Patrick Rothfuss in vierzehnjähriger Arbeit geschaffen hat, ist eine absolut eigenständige Geschichte, ein Fantasy-Entwicklungsroman, dem es an einem nicht mangelt: Originalität.

Die Geschichte ist versehen mit einer Rahmenhandlung, in der Kvothe einem Chronisten seine Lebensgeschichte erzählt (Erzählzeit ein Tag) und Kvothes tatsächlichem autobiografischen Bericht (erzählte Zeit 15 Jahre). Durch die für epische Fantasyromane seltene Erste-Person-Perspektive ist man der Hauptfigur sofort nahe, lacht, liebt und leidet ganz besonders mit ihr. Rothfuss entführt in eine detallierte und fein ausgearbeitete Welt, seine Sprache ist klar, überzeugend und bisweilen sogar lyrisch. Die Handlung plätschert nicht einmal dahin, im Gegenteil, sie zieht den Leser an einem straffen Band durch die irdisch-nachvollziehbaren emotionalen und intellektuellen Höhen und Tiefen des jungen Kvothe. Und sie deutet an, dass noch einiges auf ihn zukommen wird, dass Verzweiflung und Hoffnung für ihn nahe beieinander liegen.

Als Kritik lässt sich nur anführen, dass die Nebenfiguren wie zum Beispiel Kvothes Studentenfreunde mehr Tiefe verdient hätten. Durch die komplexe Strahlkraft des Hauptcharakters wirken sie etwas blass. Obwohl es neben bösen Zauberern auch einen Drachen gibt, ist "Der Name des Windes" Äonen von tolkienesker Fantasy entfernt. Und wer wegen der Ausgangsparallelen unbedingt die Bücher von J. K. Rowling zum Vergleich heranziehen möchte, dem sei gesagt: Dies ist Harry Potter für Erwachsene.

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