Winde und Wahrheit (Die Sturmlicht-Chroniken 11)

  • Heyne
  • Erschienen: Mai 2025
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Winde und Wahrheit (Die Sturmlicht-Chroniken 11)
Winde und Wahrheit (Die Sturmlicht-Chroniken 11)
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Sebastian Fischer
95°1001

Phantastik-Couch Rezension vonOkt 2025

Gut. Besser. Sanderson!

„Winde und Wahrheit“ ist der langersehnte neunte Band der Sturmlicht-Chroniken-Reihe aus der Feder von Großmeister Brandon Sanderson.

Ich habe lange auf dieses Buch gewartet. Ich habe mich gefürchtet, dieses Buch zu lesen (den Grund für meine Befürchtung enthülle ich später im Text).

Mein Lesedurchlauf des Vorgängers liegt nun bereits ein paar Jahre zurück. Die Reihe hat mittlerweile einen Umfang und einen Tiefgang erreicht, der in der Fantasyliteratur seinesgleichen sucht. Die Sturmlicht-Chroniken sind eine seltene Perle im Dschungel der von den Verlagen heißgeliebten Trilogien und Dilogien. Hier wird sich noch richtig Zeit genommen, eine Geschichte epischen Ausmaßes zu erzählen.

Je weiter das Gelesene der Reihe voranschreitet, desto deutlicher wird, dass man sich einer Herkulesaufgabe gegenübersieht. Das mag jetzt für den ein oder anderen bedrohlich klingen, doch ich möchte jeden mit dieser Buchbesprechung verführen, sich mit voller Hingabe dieser fantastischen Romanreihe zu widmen. Dafür werde ich jeden mit der passgenauen Splitterrüstung ausstatten, um gegen den schier unermesslichen Umfang dieser Reihe zu bestehen.

Natürlich soll es hier in erster Linie um das Rezensieren von „Winde und Wahrheit“ gehen. Genau wegen dieser Aufgabe, die sich für mich hinter dem Lesen dieses Buches verbirgt, liegt ein großer Teil meiner Furcht begründet. Ich, absoluter Fanboy und selbsternannter Experte dieser Reihe, soll mich – sturmverdammt! – nur auf dieses eine Buch fokussieren und dabei der Leserschaft der Phantastik-Couch eine verständliche Buchbesprechung präsentieren, ohne dabei in die Tiefen der Handlungsstränge und Charakterentwicklungen abzutauchen, die uns zu den Ereignissen dieses Buches geleitet haben und mir so viele tolle Momente bereitet haben – weil das jeglichen Rahmen sprengen würde?!

Ich glaube, ich sollte mein Honorar mit meinem Chefredakteur neu verhandeln.

Spaß beiseite!

Dieses Unterfangen ist keinesfalls ein Leichtes, aber es bereitet mir unglaublich viel Freude, meinen Enthusiasmus mit euch zu teilen. Dementsprechend gebe ich mein Bestes, um dieses Werk sowohl erfahrenen Strahlenden Rittern als auch neu eingestiegenen Knappen näherzubringen.

Ich spreche vollkommen bewusst von Enthusiasmus, denn so viel sei vorweggenommen: Dieser mir vorliegende neunte Band hält das gewohnt hohe Niveau seiner Vorgänger und liefert ein Fantasy-Abenteuer par excellence!

Rüstzeug

Ich schäme mich nicht zuzugeben, dass zu meinem Lesedurchlauf dieses Romans ein Haufen Notizen, KI-Chats und Recherchen in Fan-Wikis zur Tagesordnung gehörten. Der Autor trägt daran keinesfalls Schuld – außer man käme zu der sonderbaren Auffassung, ihm seinen Ideenreichtum vorzuwerfen.

Das Problem liegt also vielmehr in meinem Gedächtnis begründet, das daherkommt wie ein Schweizer Käse und die vielen tollen Details dieser Reihe regelmäßig in dessen Löchern verschwinden lässt.

Ich muss erwähnen, dass ich ein Typ Leser bin, der es auf den Tod nicht abkann, selbst die kleinsten Informationen oder Andeutungen in Büchern nicht korrekt einordnen zu können. Hier schaffen aber die oben erwähnten Hilfsmittel konsequent Abhilfe, sodass man sich keine Sorgen machen braucht, wenn einem bestimmte Handlungsfetzen den Kopf zum Rauchen bringen.

Gleichzeitig, liebe Leser, soll euch dieser Abschnitt auch den Frust nehmen, solltet ihr in ähnliche Situationen wie ich geraten – und sei es nur, weil der letzte Lesedurchlauf länger zurückliegt oder bei Beginn der Reihe die Akklimatisierung mit Roschar sich einfach noch einstellen will. Macht euch darüber keine Sorgen, diese Umstände gehören dazu. Es hat eben seinen Grund, warum solche Epen von den vielen tollen Fans da draußen Fan-Wikis spendiert bekommen haben.

An dieser Stelle sei also noch einmal hervorgehoben, dass die Sturmlicht-Chroniken in ihrer schöpferischen Tiefe absolut etwas Besonderes sind. Die Vielzahl an Protagonisten, der Umfang des historischen Wissens über Roschar – all das spielt in der Königsklasse der phantastischen Literatur. Selbst der altgediente J.R.R. Tolkien und sein Universum rund um Mittelerde können Sandersons Kosmeer nicht distanzieren. Zumal Sanderson sein historisches Fundament wesentlich spannender präsentiert. Auch die Personenvielfalt eines George R.R. Martin in seinem preisgekrönten Meisterwerk „Das Lied von Eis und Feuer“ kann mit der Spannungsdichte der hier anzutreffenden Charaktere nicht mithalten.

Die Vielzahl an Hauptpersonen und Nebenfiguren – natürlich auch in diesem Band – kommen derart fesselnd skizziert daher, dass es zur Mammutaufgabe verkommt, einen Liebling unter dem Starensemble zu erwählen.

10 lange Tage

So, nun kümmere ich mich endlich um das Eingemachte – den Inhalt dieses Romans. Neueinsteiger werden hiermit leider nicht viel anfangen können und dürfen gerne bis zum nächsten Abschnitt vorrücken.

Im Showdown des Vorgängers gelingt es Dalinar, einen Vertrag mit Superbösewicht Odium auszuhandeln. In zehn Tagen soll ein Duell der beiden stattfinden, um den Krieg zwischen Menschen und den Sängern (Parshendi) ein für alle Mal zu beenden.

Leider weiß die Koalition rund um Dalinar nicht, dass nach Abschluss des Vertrages der hinterhältige König Taravangian in die Fußstapfen der vorherigen Hülle des Gottes Odium schlüpfte und diesem von nun an als Avatar dient.

Aus der erhofften Verschnaufpause bis zu dem Duell aller Duelle wird nichts, denn der neue Odium verfolgt andere Ziele als sein Vorgänger.

Der nervenaufreibende Mehrfrontenkrieg, der Roschar überzieht wie Farbschnitte die Regale der Buchhandlungen (Winde und Wahrheit kommt übrigens ohne daher, dafür aber mit toll gezeichneten Darstellungen, die sich über die Kapitel verteilen), spitzt sich erneut zu.

Drei Schauplätze werden in den Fokus gerückt, die beide Parteien vor dem Stichtag für sich beanspruchen möchten. Unsere Helden werden ausgesendet, um die feindlichen Bemühungen abzuwenden.

Dalinar selbst zieht es in das Geistige Reich, das neben Schadesmar eine weitere „Dimension“ darstellt, die für das Leben auf Roschar von immenser Bedeutung ist. Dalinar ist auf der Suche nach der Essenz von Ehr, einem totgeglaubten Gott, der das Ruder gegen Odium möglicherweise herumreißen könnte. Im geistigen Reich beginnt eine spannende Reise in die Vergangenheit von Roschar, als die Herolde noch lebten und der Eidpakt noch zur Zukunftsmusik gehörte.

Adolin und Jasnah reisen zu den oben erwähnten Schauplätzen und führen Truppen in die Schlacht gegen Unmengen an Verschmolzenen und herkömmlichen Streitkräften.

Kaladin hatte im Finale des Vorgängers endlich einen Weg gefunden, mit seinem psychischen Leiden umzugehen. Im Zuge dessen schwor er sein viertes Ideal als Windläufer, wodurch ihm von nun an eine Splitterrüstung zur Verfügung steht. Mit neuem Elan, sein Schicksal selbst in die Hand zu nehmen, macht er sich zusammen mit Szeth, dem Attentäter in Weiß, auf in dessen Heimat Shinovar. Zum einen möchte Kaladin Szeth helfen, denn dieser leidet sehr unter den seelischen Nachwirkungen seiner früheren Erlebnisse. Kaladin, der sich spätestens seit dem Vorgänger als eine Art Therapeut versteht, scheint der Einzige zu sein, der Szeth zu helfen vermag. Zum anderen erwarten die beiden in Schinovar große Geheimnisse mit beträchtlicher Tragweite für den weiteren Verlauf des Krieges.

Schallan hingegen versucht händeringend, die Geheimorganisation der „Geisterblüter“ zu zerschlagen. Kein einfaches Unterfangen, da auch sie mit Dämonen der Vergangenheit zu kämpfen hat.

In all diesen Handlungssträngen sind auch unsere anderen heißgeliebten Protagonisten verstrickt und bekommen von Sanderson Kapitel spendiert. Großartig!

Die Handlung dieses Romans, der mit über 1200 Seiten üppig daherkommt, reicht übrigens bis zum Ende des sechsten Tages, bevor Dalinar und Odium – oder deren erwählte Kampfmeister – über das Schicksal von Roschar bestimmen.

Spannungsfeuerwerk

Wer jetzt glaubt, die 1200 Seiten müssten doch mit der einen oder anderen Länge daherkommen, dem kann ich konsequent widersprechen.

Dieses Werk besitzt im Gegensatz zu seinen Vorgängern, die besonders zu Anfang der Reihe mit der ein oder anderen Zähigkeit daherkamen, einen spannungsgeladenen roten Faden. Abschnitte mit langsam vorschreitendem Storytelling gehören meiner Meinung nach zur epischen Fantasy dazu, wie Tolkien-Vergleiche auf Einbänden eben jener phantastischen Literatur. Denn nur so lassen sich Welten voller atemberaubender Magie, interessanter Völker, unterschiedlicher Kulturen und Religionen, Herrschaftsformen oder Vegetationen tatsächlich ergründen. In „Winde und Wahrheit“ gibt es ebenfalls eine unermessliche Flut an Erkundungen, insbesondere Dalinars Reise in die Vergangenheit von Roschar, doch hat die Geschichte spätestens mit diesem Teil einen Punkt erreicht, an dem die Protagonisten unumkehrbar auf das große Finale zusteuern. So feuert jedes Kapitel, jeder Dialog und jede Wendung ihr Spannungsfeuerwerk mit voller Breitseite auf die Leserschaft ab.

Gleichzeitig ist Sandersons Spannungspolitik extrem vielschichtig. Um seine Leserschaft bei der Stange zu halten, füttert er uns mit fesselnden Informationen über die Zusammenhänge auf Roschar, baut epische Momente ein, lockert die Atmosphäre mit Humor oder feuert eine Cliffhanger-Salve ab, deren explosiver Donner mich an die Seiten bannt wie den Pöbel des alten Rom an das blutige Spektakel im Kolosseum.

Diese Mischung, die getragen wird durch die vielen tiefgründigen Protagonisten, erstickt jede Langeweile im Keim. Die Entwicklung der Charaktere dieser Reihe, die mit dem neunten Band der Sturmlicht-Chroniken ihren Höhepunkt einläutet, ist schier faszinierend. Kaladin oder Schallan, die neben ihrer Verantwortung als Strahlende Ritter mit ihrer geistigen Gesundheit zu kämpfen haben, oder Adolin und Renarin: Brüder, die händeringend ihren Platz in der Welt suchen, ohne dabei das Echo ihres berühmten Vaters Dalinar wahrzunehmen. Szeth, ein tödlicher Recke, von Herrschern ausgenutzt und verstoßen, der händeringend nach einem Kompass für sein Leben sucht, der ihm zeigt, was richtig ist und was falsch. Ich könnte jetzt noch so viele weitere Charakterbeispiele aufführen, möchte es jedoch lieber etwas herunterbrechen, indem ich sage: Die Charaktertiefe und Vielfalt dieser Reihe – und eben auch dieses Buches – legt die Messlatte für die Genre-Konkurrenz sturmverdammt hoch.

Im Gegensatz zu anderen Genregrößen wie Anthony Ryan, Jay Kristoff, Robert Jordan oder George R.R. Martin ist die Atmosphäre in „Winde und Wahrheit“, ähnlich wie in seinen Vorgängern, weit weniger düster als die Weltuntergangsszenerien in den Büchern der oben genannten Autoren. Aus meiner Sicht liegt das vor allem darin begründet, dass Herrn Sanderson der Schalk im Nacken sitzt. Humor nimmt in seinen Büchern einen wichtigen Platz ein, ohne dabei jemals deplatziert zu wirken. Das hat zur Folge, dass die Düsternis von tödlichen Schlachten oder selbstzerstörerischen Gedanken an den richtigen Stellen aufgelockert wird. Am Ende des Tages ist es natürlich Geschmackssache, ob einen die Friedhofs- und Weltuntergangsstimmung sowie die Melancholie der Sprache eines „Reiches der Vampire“ fesseln oder eben der lockere Ton eines Sandersons (ich kann beiden Varianten eine Menge abgewinnen). Was sich jedoch eindeutig hervorheben lässt, ist, dass in „Winde und Wahrheit“ jedes Puzzlestück ineinanderpasst. In einem Moment scherzt Adolin noch mit seinem Leibwächter über seine vielen Ex-Liebschaften, bevor Schallan ihm den Kopf verdrehte, im nächsten Moment stürmt Kholin Junior mit seiner Splitterrüstung über das Schlachtfeld in dem waghalsigen Versuch, einen anderen Splitterträger vor den Feinden zu beschützen. Einer der kleineren epischen Momente, die Sanderson wie üblich mit Gänsehautgarantie serviert. Der Rhythmus dieses Buches spielt eine abwechslungsreiche Ballade aus Spannung, Ernsthaftigkeit, Wissbegierde und Ausgelassenheit. So muss epische Fantasy sein.

Fazit:

Brandon Sanderson ist der Primus der Fantasy-Literatur unserer Zeit. Mit „Winde und Wahrheit“ liefert er ein spannungsgeladenes Meisterwerk, das seinen Vorgängern in nichts nachsteht. Die Sturmlicht-Chroniken sind eine Branchengröße, die mit ihrem ungebrochenen Unterhaltungsniveau Fans auf der ganzen Welt begeistern.

Dieser Roman ist schon jetzt ein absolutes Highlight des Lesejahres 2025 und schürt eine unermessliche Vorfreude auf den bereits erschienenen Folgeband. Ich beende meine leicht ausufernde Analyse mit den Worten: Lest und genießt!

Winde und Wahrheit (Die Sturmlicht-Chroniken 11)

Brandon Sanderson, Heyne

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