Der Kampf der Meister (Die Sturmlicht-Chroniken 12)
- Heyne
- Erschienen: September 2025
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Reise vor Ziel
Es ist vollbracht. Der erste Erzählbogen der Sturmlichtchroniken ist beendet. 10 Bücher voller Spannung, epischer Momente, überraschender Wendungen und tiefgreifender Charakterskizzierungen haben ihren vorläufigen Höhepunkt erreicht. Was war das für eine Reise. Ich habe mitgefiebert, vor Aufregung gezittert und gejubelt. Mir fehlen ein wenig die Worte, um mich nicht in sich wiederholenden Superlativen zu verrennen. Wer meine Buchbesprechung zu „Winde und Wahrheit“ gelesen hat, weiß ziemlich genau, was ich von den Sturmlichtchroniken halte. Es gilt jedoch auf ein Neues, meine Begeisterung mit Fakten zu unterlegen, um euch, liebe Leser, diese Reihe ans Herz zu legen. Wer die Fantasyliteratur liebt und mit dem Farbschnittseinheitsbrei der Literaturbranche unterforderter ist als ein Drache beim Kerzenanzünden, der ist bei den Sturmlichtchroniken goldrichtig.
An diesem Punkt möchte ich jedem die Angst nehmen, der die berechtigte Befürchtung hegt, die Abenteuer auf Roschar wären nun beendet. Brandon Sanderson hat mit „Der Kampf der Meister“ nur seine erste Epoche der Sturmlichtchroniken vollendet. Es werden zukünftig weitere Bände folgen. Inwieweit diese die Abenteuer der altbekannten Protagonisten wieder aufgreifen, darüber lässt sich erst einmal nur spekulieren. Ich für meinen Teil würde jedoch einen bescheidenen Teil meines nicht vorhandenen Vermögens darauf verwetten, dass wir nicht zum letzten Mal von Schallan, Kaladin und Co. gelesen haben.
Widmen wir uns also nun dem Inhaltlichen, um zu bewerten, ob dieser Roman würdig ist, diese Buchreihe vorerst zu beenden.
Spannungsfeuerwerk
Logischerweise setzen die Geschehnisse dieses Romans nahtlos an „Winde und Wahrheit“ an, denn ursprünglich, also in der originalen englischen Fassung, handelt es sich bei den beiden Büchern um eine Ausgabe. Im deutschsprachigen Raum wurden diese Werke, wie seine Vorgänger, zweigeteilt, um den kolossalen Inhalt einigermaßen kompakt zu Papier zu bringen.
Um inhaltlich abgeholt zu werden, empfehle ich zuerst das Lesen meiner Rezension zu „Winde und Wahrheit“. Für komplette Sturmlicht-Neulinge wird es schwer, der reinen inhaltlichen Einordnung des Romans zu folgen. Diese Hürde muss ich in Kauf nehmen, denn aufgrund des massiven Umfangs dieser Reihe ist es schlicht unmöglich, innerhalb dieser Analyse eine vollständige und lückenlose Zusammenfassung der Ereignisse wiederzugeben.
Wir befinden uns also in den letzten Tagen vor dem ultimativen Duell zwischen Dalinar Kholin und Odium. Die menschliche Koalition versucht verzweifelt, ihr Territorium, das ihnen vor Beginn der großen Auseinandersetzung zuzuschreiben ist, zu halten. Denn egal, wer am Ende das Duell gewinnt, die Ländergrenzen und somit ihre Regierungszuteilung werden mit Beginn des Kampfes eingefroren.
Die Kämpfe auf der Zerbrochenen Ebene und in Azimir sind erbittert und blutig. Odium kämpft mit allen Tricks, die seine Göttlichkeit aufzubieten weiß, ohne dabei den Vertrag mit Dalinar zu verletzen. Die Umstände scheinen jedoch hoffnungslos. Die vorgenannten Schlachtfelder stehen kurz davor, in feindliche Hände zu fallen.
Währenddessen versucht Kaladin händeringend, Szeth auf seiner Reise durch Schinovar zu unterstützen. Doch der Herold Nale macht ihm das Leben schwer, indem er kontinuierlich auf Szeth einwirkt, mit dem Ziel, diesen zu seinesgleichen aufsteigen zu lassen. Damit hat Kaladin grundsätzlich kein Problem, er möchte seinem Patienten jedoch die Wahl lassen, über seine Zukunft selbst zu entscheiden. Sollte sich Szeth aus freien Stücken den Herolden anschließen, wäre Kaladin der Letzte, der ein Veto einlegen würde. Die Einordnung als „Patient“ ist hier bewusst gewählt, da Kaladin tatsächlich als eine Art erster Therapeut auf Roschar auftritt. Diese Bezeichnung hat er von Schelm erhalten, der in seiner langen Lebensspanne bereits viele Planeten bereist hat und dabei auf den ein oder anderen Experten auf dem Gebiet der psychischen Gesundheit getroffen ist. In Kaladin sieht er völlig zu Recht jemanden, dem es gelingt, zu Zeitgenossen durchzudringen, die von einer geistigen Dunkelheit umgeben sind. Denn Kaladins Reise durch die Kriege und Auseinandersetzungen Roschars ist zum großen Teil eine Reise der inneren Hürden. Hürden, die einem die eigenen Gedanken in den Weg legen. Kaladin hat so viel Leid und Tod gesehen, so viele Freunde verloren, dass es schlicht logisch ist, dass auch sein Geist mit tiefen Wunden zu kämpfen hat. Im Gegensatz zu vielen anderen phantastischen Romanen, in denen Krieg einen zentralen Aspekt darstellt, werden in dieser Reihe Themen wie Depression und posttraumatische Belastungsstörung, um mal ein paar übergeordnete Begriffe zu nennen, offen thematisiert (um die Immersion der Geschichte nicht zu zerstören, werden diese Probleme natürlich anderweitig benannt oder beschrieben). Wirklich jeder Held hat mit seinen inneren Dämonen zu kämpfen, die auf den Schlachtfeldern Roschars oder in der eigenen Kindheit gediehen sind. Brandon Sanderson kennt keine Schwarz-Weiß-Zeichnungen. Brandon Sandersons Pinsel skizziert seine Protagonisten in einem allumfassenden Grau. Das umfasst nicht nur das Wohlbefinden der Charaktere, sondern auch deren Handlungsweisen. Dalinar, der sich vom blutrünstigen General zum philosophischen Anführer entwickelt, Schallan, der es gelingt, ihre grauenhafte Kindheit aufzuarbeiten, und Kaladin sind in diesem Zusammenhang besonders hervorzuheben. Letztgenannter, weil er es im Laufe der Handlungsstränge schafft, seine tiefsitzende Depression zu überwinden und anderen Leidenden zu helfen. Diese Art von Tiefgang wird in diesem Roman, ebenso wie in den Vorgängern, genau richtig dosiert. Es ist schlicht wundervoll, wie es Kaladin gelingt, zu Szeth vorzudringen, um ihm zu helfen, sein Leben endlich ein Stück weit genießen zu können.
Während Kaladin und Szeth versuchen, Schinovar vor einem unbekannten Feind zu schützen, sind Dalinar und Navani zusammen mit Renarin, Rlain und Schallan weiterhin im geistigen Reich gefangen. Die Suche nach Ehrs Essenz erweist sich als schwieriger als gedacht. Außerdem sind die Geisterblüter und Odium selbst äußerst umtriebig und machen unseren Helden das Leben schwer.
Lass es krachen, Mr. Sanderson
Abwechselnd führt uns Sanderson durch die verschiedenen Perspektiven und Schauplätze der Geschichte. Der rote Faden der Geschichte steht dabei dermaßen unter Spannung, dass ich mehrfach pausierend das Buch aus der Hand legen musste, um die gelesenen Ereignisse erst einmal zu verdauen. Um es kurz zu machen: Die ganzen knapp 1000 Seiten dieses Romans sind schlicht ein großes Finale. Sanderson schreibt diesen Roman in einer Intensität, die ihresgleichen sucht, mit einer minimalen Einschränkung, dass, gemessen am Autor selbst, das Finale des Finales schon fast unspektakulär geraten ist. Die letzten Kapitel kommen mit weit weniger Spannung daher als der Rest des Buches und driften ein Stück weit in ein philosophisches Klein-Klein ab. Hier gilt es, wirklich aufmerksam zu lesen, um den Dialogen und Entscheidungen von Odium und Dalinar folgen zu können. Wer die Sturmlichtchroniken kennt, dem war bereits vor dem Lesen des letzten Abschnitts klar, dass es sich bei dem Duell der Kampfmeister nicht um einen Konflikt im klassischen Sinne handeln wird. Vielmehr stellt sich die Auseinandersetzung als eine Art philosophischer Schlagabtausch darüber heraus, welcher Weg, allumfassenden Frieden zu erreichen, der richtige sei. Hier hätte ich mir weniger Dialog und mehr epischen Moment gewünscht. Gleichwohl ist das Meckern auf außerordentlich hohem Niveau.
Entscheidend ist, dass Sanderson wiederholt grandios abliefert. Die Kämpfe und das Miteinander der Protagonisten setzen Maßstäbe in der epischen Fantasyliteratur. Die Bindungen, die die Leserschaft mit den Figuren der Reihe eingeht, kratzen gar an der Schwelle zur Realität. Um es überspitzt und anschaulicher zu formulieren: Ich leide und freue mich mit den Figuren, als wären es Freunde aus dem echten Leben. Wie eingangs bereits angedeutet, möchte ich nochmals einwenden, dass ich mich eigentlich nicht in Superlativen verlieren wollte (ist mir hervorragend gelungen oder?), denn ab einem gewissen Punkt wird meine Lobhudelei meine Glaubwürdigkeit unterminieren. Dieser Vorsatz, wenn man ihn denn so nennen möchte, war jedoch von Beginn an ein zum Scheitern verurteiltes Unterfangen, da dieses Buch ununterbrochen mit seiner Großartigkeit auf einen einprügelt.
Fazit:
„Der Kampf der Meister“ ist ein würdiger Abschluss des ersten Erzählbogens der Sturmlichtchroniken. Brandon Sanderson beweist auf ein Neues, dass er der Großmeister moderner Fantasyliteratur ist. Die Mischung aus spannungsgeladener Handlung, großartigem Weltenbau und emotionaler Tiefe liefert sturmverdammt gute Unterhaltung.
Die Sturmlichtchroniken werden unvergessen bleiben und noch in Jahrzehnten zum Olymp der phantastischen Literatur gehören.

Brandon Sanderson, Heyne












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