Der dunkle Fremde – H.P. Lovecrafts Schriften des Grauens 06

  • Blitz
  • Erschienen: Januar 2020
Der dunkle Fremde – H.P. Lovecrafts Schriften des Grauens 06
Der dunkle Fremde – H.P. Lovecrafts Schriften des Grauens 06
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Michael Drewniok
75°

Phantastik-Couch Rezension vonNov 2022

Abseits gelegenes Tal als Schnittpunkt der Welten

Acht Storys aus dem trügerisch idyllischen Sesqua-Tal, in dem sich Kreaturen aus fernen und fremden Kosmen, Dimensionen und Träumen unter die Menschen mischen, was für beide Seiten nie ohne Risiko ist:

- Das Fenster zwischen den Welten (The Strange Dark One; 2012), S. 7-68: April Dorgan hat die Buchsammlung ihres verstorbenen Großvaters geerbt, der einst im Sesqua-Tal auf ein Portal zwischen den Welten gestoßen war. Nun zieht es die junge Frau neugierig dorthin, wo man sie teils freundlich, teils gierig empfängt.

- Das Tal aus Sand und Wind (Immortal Remains; 1994), S. 69-80: Im Sesqua-Tal leben Menschen an der Seite von Wesen, die (meist) wie Menschen aussehen, aber in Kontakt mit kosmischen Entitäten stehen.

- Hinter dem Tor der tiefen Träume (Past the Gates of Deepest Dreaming; 2006), S. 81-114: Selenes Geist reist im Schlaf dorthin, wo sich ihr nach und nach ihr wahres, nicht irdisches Wesen enthüllt.

- Das Zeichen des Gesichtslosen Gottes (One Last Theft; 2009), S. 115-160: Einst wurde Stefan Wilkes aus dem Sesqua-Tal verbannt, doch er kehrt zurück, um an einem Fest der dort lebenden Dämonenwesen teilzunehmen und in ihre Reihen aufgenommen zu werden.

- Der Kuss des Nyarlathotep (The Hands That Reek and Smoke; 2008), S. 161-174: Lisa geht ein in die Sphäre des Gottes ohne Gesicht, während ihr zögerlicher Freund an der Schwelle zurückbleibt.

- Die Lauschende Leere (The Audient Void; 1991), S. 175-182: Amanda wagt den Schritt in die kosmische Leere hinter der Grenze von Zeit und Raum.

- Die tausend Säulen von Irem (Some Bacchante of Irem; 2009), S. 183-198: Simon Williams aus dem Sesqua-Tal hilft der Künstlerin Charmian Auriol, in die Welt jenseits ihrer verschütteten Erinnerungen überzuwechseln.

- Der Blick hinter die Welt (To See Beyond; 2012), S. 199-233: Simon Williams entführt den Schriftsteller Sebastian Grimm, um mit seiner Hilfe ein Mysterium zu erkunden, vor dem sogar er sich fürchtet.

Lovecrafts kalter Kosmos

Obwohl ihre Geschichten in denselben Welten spielen, kann man sich kaum unterschiedlichere Charaktere vorstellen als Howard Phillips Lovecraft (1890-1937) und Willum Hopfrog Pugmire (alias William Harry Pugmire, 1951-2019). Der eine hat jenen Kosmos geschaffen, in dem uralte ‚Götter‘ seit der Erschaffung des Universums in intergalaktische Konflikte verwickelt sind, die der Mensch höchstens ansatzweise erfassen kann, jedoch niemals verstehen wird: Diese Wesen sind buchstäblich über-irdisch und dem Menschen absolut fremd.

Was sich in uralten Informationsfragmenten, Legenden und Mutmaßungen über diese Außenwelt erhalten hat, lockte unter Lovecrafts Feder immer wieder wissensdurstige Zeitgenossen dorthin, wo sie mehr erfuhren, aber dadurch ins Verderben gerieten. Meist starben sie oder wurden verrückt, weil ihr Hirn unter dem Ansturm groteskfremder Eindrücke versagte: Der Autor beharrte auf der Überforderung des Menschen im Angesicht nicht einmal feindseliger oder grausamer, sondern gleichgültiger Mächte.

Lovecrafts Werk wurde schon zu Lebzeiten seines Schöpfers von Epigonen aufgegriffen und ‚weiterentwickelt‘. Dieses Verb steht in Anführungsstrichen, weil diese Autoren sich Lovecrafts Kosmos mit eigenen Einfällen ‚ergänzten‘: Auch dies Verb wird unter Vorbehalt verwendet, denn ungeachtet der originellen Ideen, die solche Nachschöpfungen manchmal transportier(t)en, w(e)ichen sie doch von Lovecrafts strengem Konzept ab.

Im Strudel der Emotionen

W. H. Pugmire gehört zu denen, die dem Vorbild auf eine Weise huldigten, die weit über das übliche Pastiche - die möglichst ‚originalgetreue‘ Nachahmung einer Lovecraft-Erzählung - hinausgingen. Wie beispielsweise August Derleth (1909-1971) eignete er sich das Lovecraft-Universum an und führte es in eine neue Richtung.

Dies müssen jene Leser berücksichtigen, die den ‚typischen‘ Lovecraft-Horror erwarten. Doch ungeachtet der Tatsache, dass diese Sammlung in einer Reihe erscheint, die den Titel „H. P. Lovecrafts Schriften des Grauens“ trägt, folgt Pugmire nur vage den Fußstapfen des Vorbilds. Er erweitert das Universums des Grusel-Meisters um einen Aspekt, den Lovecraft definitiv abgelehnt hätte: das Gefühl.

Wurde Lovecraft ‚emotional‘, spielte er auf der Klaviatur des Grauens und der Angst vor dem Unbekannten. Liebe oder gar Sex spielten in seinen Erzählungen keine Rolle. Pugmire konnte und wollte die ‚kosmische‘ Emotionslosigkeit nicht übernehmen. Seine Biografie spielte hier sicher eine Rolle. Er war gläubiger Mormone, aber homosexuell, weshalb ihn seine Kirche erst wegen dieser ‚Krankheit‘ medizinisch ‚behandeln‘ ließ und nach dem Misserfolg dieser Aktion exkommunizierte. Ein Vierteljahrhundert später wurde Pugmire unter dem Schwur eines absoluten Zölibats ‚gnädig‘ wieder aufgenommen.

Reverenz und Eigensinn

Für Pugmire war die Schriftstellerei ein dringend benötigtes Ventil, das ihm in seinem emotionalen Chaos einen Ausgleich bot. Er wird oft mit Edgar Allan Poe (1809-1849; den Mittelnamen „Hopfrog“ entlieh der Verfasser einer Poe-Story) und vor allem mit dem viktorianischen Dichter und Autor Oscar Wilde verglichen, der Ende des 19. Jahrhunderts mit ähnlichen Schwierigkeiten kämpfte. Pugmire liebte Wilde, der einen flamboyanten Stil pflegte und in literarischer Dekadenz schwelgte, d. h. anders als Lovecraft nicht ‚dokumentarisch‘ schilderte, was vor seinem geistigen Auge ‚geschah‘, sondern die Stimmung der Realität vorzog, diese übertrieb und verfremdete, um seinen Lesern inhaltlich und formal den Boden unter den Füßen wegzuziehen.

Schon Lovecrafts Zeitgenosse Clark Ashton Smith (1893-1961) ging mit seiner Phantastik in diese Richtung. Weil er ein vorzüglicher Autor war, gelang ihm, womit Pugmire ringen muss: Smith-Storys sind exotisch und emotional sowie durchweg unterhaltsam. Allerdings würden zahlreiche Literaturkritiker energisch abstreiten, dass Pugmire sein Publikum überfordert (bzw. durchblicken lassen, dass es halt Dummköpfe sind, die dem Verfasser nicht folgen wollen oder können). Sie begründen durchaus plausibel, dass Pugmire seinen eigenen Weg (und Stil) gefunden hat und deshalb Großes leistet.

Der Autor erweist Lovecraft in der Tat seine eigene Reverenz. Wir finden in „Der dunkle Fremde“ viele bekannte Entitäten und Kreaturen wieder. Pugmire lässt außerdem mit dem Sesqua-Tal einen Ort entstehen, in dem sich wie in Lovecrafts Innsmouth, Arkham oder Dunwich die Welten oder Dimensionen berühren: Hier steigen die kosmischen Mächte hinab zur Erde, die nach Pugmire eine größere Rolle im kosmischen Chaos als bei Lovecraft spielt.

Das Chaos als Ausweg

Pugmire trennt zwar ebenfalls zwischen Menschen und ‚Göttern‘, postuliert aber eine Art ‚Vermittler‘ zwischen den Welten - die mit den ‚Göttern‘ buchstäblich blutsverwandten ‚Menschen‘ des Tales, die durch ihre silbernen Augen auffallen. Ihre Gestalt ist angenommen, sie verwandeln sich in ihre ‚Geistform‘, wenn sie in die „Außenwelt“ wechseln oder sich mit deren Bewohnern treffen.

Diese Wesen stehen zwischen den Welten; Simon Williams, der in vielen der hier versammelten Geschichten auftritt, ist ein gutes Beispiel für die daraus resultierende Ambivalenz. Mal tritt er den ‚normalen‘ Menschen freundlich gegenüber, versucht sie zu ihrem eigenen Wohl vom Sesqua-Tal und von der „Außenwelt“ fernzuhalten oder wird zum Vermittler. Doch Simon ist auch „das Tier“ und in dieser Gestalt egoistisch und aggressiv, was auch sexuelle Gewalt einschließt, die bei Pugmire oft homoerotische Züge aufweist.

Die Geschichten aus dem Sesqua-Tal ergeben oft keinen ‚Sinn‘. Die Erzählung löst sich vom einleitenden Plot und in jenem nur ansatzweise verständlichen Chaos auf, das die „Außenwelt“ kennzeichnet. Mancher Kritiker hält Pugmires Erzählungen nicht einmal für ‚normale‘ Phantastik-Prosa, sondern ordnet sie eher dem Prosagedicht zu, das auf Verse oder Reime verzichtet, aber das Schwergewicht auf den (verdichteten) Ausdruck von Emotionen und Stimmungen legt. Das macht die Lektüre anspruchsvoll, weil das ausschließlich unterhaltsame Grauen ausbleibt. Pugmire setzt eher auf den Horror des Verbotenen, der eine schreckliche Faszination ausstrahlt und ebensolche Folgen nach sich zieht. Die Konsequenzen weiß er auf seine Weise ebenso eindringlich wie Lovecraft darzustellen, aber man muss auf einer Wellenlinie mit dem Verfasser liegen, um diese Erzählungen goutieren zu können. Auch deshalb ist es lobenswert, dass der Blitz-Verlag weitere Pugmire-Titel nach Deutschland bringt.

Fazit:

W. H. Pugmire beschreibt das kosmisch Fremde, wie H. P. Lovecraft es vorgab, ergänzt dessen ‚Kälte‘ aber durch eine emotional-erotische Ebene. Die Storys folgen keinem festen Plot, sondern lösen sich in kraftvoll geschilderten, formal aufwändigen Szenenfragmenten und Bildern auf, was den auf zielstrebige Auflösung geeichten Gruselfreund frustrieren könnte: eine seltsame, aber interessante Sammlung.

Der dunkle Fremde – H.P. Lovecrafts Schriften des Grauens 06

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