Star Trek - The Next Generation 45: Q²

Erschienen: Februar 2014

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Michael Drewniok
Wer hat an der Uhr gedreht?

Buch-Rezension von Michael Drewniok Mai 2021

Ein Jahrhundert ist vergangen, seit ihm der legendäre Captain James T. Kirk eine tüchtige Lektion erteilt hat, doch nun ist er wieder zurück: Trelane, der (soweit bekannt) erste den Menschen bekanntgewordene Bewohner des Q-Kontinuums, Heimat kosmischer Superwesen mit quasi gottgleichen Kräften. Aus dem kindlichen „Squire von Gothos“ ist ein Jugendlicher geworden, dessen weiterhin aufbrausendes Wesen selbst den Q Sorgen macht. Daher haben sie beschlossen, Trelane einen Mentor zur Seite zu stellen: Q, den die Menschen ähnlich faszinieren wie sein Mündel. Er stimmt zu, aber als sich Trelane als arges Problemkind herausstellt, wendet sich Q hilfesuchend an seinen alten Freund bzw. liebsten Streitgenossen Captain Jean-Luc Picard. Dieser ist wenig begeistert, als gleich zwei Qs ihn und das Raumschiff „Enterprise“ heimsuchen.

Zu allem Überfluss dringt aus einem alternativen, zukünftigen Zeitstrom ein anderer, bösartiger Trelane in diese Realität ein. Unbemerkt schaltet er sein jüngeres Gegenstück aus und setzt seine Kräfte ein, das ihm lästige Q-Kontinuum hermetisch abzuschotten. Q muss hilflos mitansehen, wie das Verhängnis seinen Lauf nimmt, bis es ihm gelingt, in ein paralleles Universum zu entkommen.

Wieder macht sich Q dort zum Raumschiff „Enterprise“ auf - doch dies ist eine „Enterprise“, deren Captain Jack Crusher heißt. Sein erster Offizier und bester Freund, der nach einem missglückten Einsatz schmählich degradierte Jean-Luc Picard. Die „Enterprise“ ist unterwegs, um den Raumhelden William T. Riker heimzubringen, der just aus romulanischer Folterhaft befreit wurde und sehnlich von seiner Familie erwartet wird - der Ehefrau Deanna Troi und Sohn Tommy.

Q beschließt mit Hilfe seiner neuen, recht unfreiwilligen Verbündeten den Kampf gegen Trelane 2 aufzunehmen. Der zapft im ‚Original-Universum‘ noch einen weiteren Zeitstrom an und beginnt die drei alternativen Universen zu vermischen - das Experiment könnte im Untergang des Universums gipfeln ...

Ein Unheil kommt selten allein!

Das Universum stellt sich aus Qs Sicht als „Multiversum“ dar - ein komplexes Geflecht paralleler Welten und Zeitströme, die in diesem „Star Trek“-Abenteuer mit jener Kunstfertigkeit miteinander verknäult werden, die den Franchise-Veteranen Peter David auszeichnet. Dieser Mann beherrscht sein Handwerk - und das ist es, was er betreibt: Er verfasst (u. a.) „Star-Trek“-Romane, einen nach dem anderen. Die dabei entstehenden Werke stellen normalerweise trübsinnige Kapitel der Literaturgeschichte dar, denn zweit- und drittklassige Lohnschreiber stellen das Gros derer da, die sich auf „Bücher zum Film“ (oder zur Fernsehserie) spezialisiert haben.

Peter David ist eine Ausnahme. Ihn zeichnen Ehrgeiz, gute Ideen und das Talent, dies auch ansprechend umzusetzen, aus. Daher wecken seine „Star-Trek“-Romane die Vorfreude des kundigen Lesers. Sie werden selten enttäuscht, „Q²“ stellt keine Ausnahme dar, zumal David von allen Autoren am besten auf die Figur des Q versteht. Zwar gibt es offensichtliche Parallelen zum kurz zuvor entstandenen „Next- Generation“-Spektakel „Q-in-Law“ (1991, dt. „Eine Lektion in Liebe“), aber wann hat es im „Star-Trek“-Universum wirklich Neues oder gar Überraschendes gegeben? (Weshalb Q den faltig gewordenen Picard noch 2022 in der zweiten Staffel von „Star Trek - Picard“ ärgert.)

„Q²“ ist vom Grundton ernsthafter angelegt als der erwähnte Q-Roman. Trelane ist ein Kind, das es liebt, Fliegen die Flügel auszureißen - so die Prämisse, auf der die Story ruht, und weil „Q²“ nicht für die Inkarnation des größten gemeinsamen Publikum-Nenners - das Fernsehen - geschrieben wurde, ist es David möglich, ein wenig derber zur Sache zu gehen, wenn Trelane zu ‚scherzen‘ beliebt. Man kann auch ihm jedoch Einfallsreichtum nicht absprechen. Die Attacke der recht gewalttätigen Hauptfiguren aus dem Kinderbuch-Klassiker „Winnie Pu“ ist wirklich witzig. Sie belegt gleichzeitig, dass David über die Gabe echten Humors verfügt, die ebenfalls rar ist im bierernsten „Star-Trek“-Franchise, das ansonsten ängstlich alles meidet, was den Profit beeinträchtigen könnte.

Wo schon viele Autoren vorher gewesen sind …

Die Story selbst ist simpel bzw. tausendfach bewährt: Zeitreisen und parallele Welten werden vom SF-Publikum geliebt. Wieso auch nicht, hat sich doch die Frage „Was wäre, wenn ...“ wohl jeder denkende Mensch schon gestellt. Im „Star- Trek“-Universum schöpften und schöpfen die besten und beliebtesten Folgen aus den mehr oder weniger gravierenden Abweichungen, die eine alternative Realität den ansonsten in Routine gefangenen Helden beschert.

Auch der Rückgriff auf die eigene Vergangenheit ist nicht neu. „Der Zorn des Khan“, der zweite „Star-Trek“-Kinofilm, griff 1981 auf eine TV-Episode der klassischen Serie um Kirk & Co. zurück. Das hatte hervorragend funktioniert und wurde später oft und gern wiederholt. Daher erleichtert sich auch David sein Schriftstellerleben und greift auf Bekanntes zurück, das er allerdings nicht einfach aufwärmt, sondern logisch und spannend weiterentwickelt. „The Squire of Gothos“ (dt. „Tödliche Spiele auf Gothos“) erzählte 1967 als Folge 18 der ersten „ST-Classic“-Staffel vom ersten Auftritt Trelanes. Geschickt baut David auf dieser Handlung auf, indem er sie quasi zur Vorgeschichte erklärt und gleichzeitig einen Weg findet, sie in den „Next-Generation“-Kosmos zu integrieren. Die nachträgliche ‚Adoption‘ Trelanes als Angehöriger der Q lag nahe und wirkt nicht bemüht, obwohl er nie wirklich ins Q-Kontinuum passt. David versucht gar nicht, die ausgeprägten Unterschiede zwischen Trelane und Q zu verwischen, sondern lässt sie bestehen und in seine Geschichte einfließen: ein zusätzlicher Bonus, der den Bogen vom „Star Trek“ der 1960er über das „Star Trek“ der 1980er in die 1990er schlägt.

„Where no Man Has Gone Before“ (dt. „Spitze des Eisbergs“) ist die zweite TV-Folge, auf die sich David beruft. Die Geschichte von Kirks spektakulär gescheitertem Versuch, mit der „Enterprise“ die galaktische Barriere zu durchbrechen, ist die fünfte Episode der ersten „ST-Classic“-Saison und gehört ebenfalls zu den Klassikern. Wiederum lässt sich die Besessenheit von Gary Mitchell und Dr. Elizabeth Dehner gut auf Qs damals noch anonymes Wirken zurückführen, und es verschafft James T. Kirk persönlich einen Gastauftritt in „Q²“.

Abseits (allzu) tief ausgetretener Pfade

Ein gediegener Lesespaß ist „Q²“ also, und eine angenehme Abwechslung von jener öden Klingonen-„Blut-und-Ehre“-Folklore, dem pseudo-dramatischen Ringen um die „Erste Direktive“ oder den ebenfalls abwechslungsarm gewordenen Attacken der Borg, mit denen faule und geistlose (Dreh-) Buchautoren allzu viele „Star-Trek“-Abenteuer bestreiten.

Peter David konzentrierte sich leider lange auf die Niederschrift von Abenteuern der ‚inoffiziellen‘ „Star-Trek“-Serie „The New Frontier“, die es nur auf dem Papier gibt. Ihn lockte sicherlich die Chance, eine eigene „Star-Trek“-Welt zu gestalten, die allerdings auch nur bedingt für sich beanspruchen kann, wirklich originell zu sein. Faktisch vermisst der Leser außerdem bitter die bekannten Figuren, die David so unnachahmlich mit Leben zu erfüllen weiß.

Fazit:

„Q²“ ist „Star-Trek“-SF vom Feinsten und sei daher dem Publikum als seltene Perle im Buch-Meer der „Star-Trek“-Vielschreiber und No-Names ausdrücklich ans Herz gelegt.

Star Trek - The Next Generation 45: Q²

Star Trek - The Next Generation 45: Q²

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